[Rezension] Christian Linker – Der Schuss

Buch Der Schuss von Christian Linker auf Aufklebern Titel: Der Schuss | Autor: Christian Linker | Verlag: dtv | ISBN: 978-3-423-74027-2

Worum geht’s?

In einer beliebigen deutschen Stadt in einem Hochhausghetto lebt Robin, 17 Jahre, vorbestraft, und will im Großen und Ganzen nur seine Ruhe. Dass die Nazis in seinem Block und die rechtspopulistische „Deutsche Alternative Partei“ immer stärker werden findet er zwar komisch, ist ihm aber auch irgendwie egal. Bis eines Tages einer der Nazis ermordet wird, Robin einem Journalisten hilft und mit einer neuen Freundin anfängt, gegen die Rechtspopulisten zu kämpfen.

Wie war’s?

Der Schuss ist mit seiner Thematik hochaktuell. Es thematisiert den Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei, die inzwischen Chancen auf den Bundestag hat, und wie der Spitzenkandidat sich mit alten Nazikadern zusammentut, um in dem Block, in dem er großwurde, medienwirksam auf Stimmenfang zu gehen. Linker versteht es ausgezeichnet, die Methoden, mit denen rechtspopulistische Politiker die Medien für sich einnehmen und teilweise auch manipulieren, aufzuzeigen, und auch zu welchen Maßnahmen sie greifen, wenn sie auf Gegner stoßen.
Wer beim Lesen glaubt, diese Maßnahmen seien nur dazu da, um Klischees zu bedienen, unnötig zu erschrecken oder die Story sei überzogen, muss sich nur Berichte seiner oder ihrer lokalen Antifa oder von PoC anhören um zu wissen: da ist ganz und gar nichts überzogen, und das sind auch keine Klischees. Der Schuss ist verdammt realitätsnah, und es ist fast erschreckend, wie genau Linker die Wahlergebnisse der diesjährigen Bundestagswahl vorwegnahm: das Buch erschien bereits Anfang September 2017.

Etwas, das ich als weiße nur durch meinen weißen Blickwinkel sehen kann, mir aber gut gefallen hat, war die Einführung der Protagonistin Henry. Sie ist schwarz, allerdings wird das nicht als erstes Merkmal genannt, als Robin auf sie trifft. Danach spielt Henrys Hautfarbe nur dann eine Rolle, wenn sie über ihre Rassismuserfahrungen spricht oder wenn die Nazis über sie sprechen oder denken. Hier habe ich auch einen Kritikpunkt: auch wenn es Nazis sind, die das N-Wort nach wie vor gebrauchen (und zwar nicht apologetisch-rassistisch a la „Das ist einfach deutsche Sprache“ sondern mit dem offengelegten Rassismus und erniedrigender Intention) wäre hier evtl. eine Triggerwarnung für BPoC schön gewesen.

Der Schuss ist das wichtigste deutsche Jugendbuch dieses Jahr, wobei man es nicht auf diese Kategorie beschränken muss. Auch Erwachsene können das Buch gut lesen, denn Rassismus, der Aufstieg von rechten und rechtsradikalen Parteien, und der Kampf dagegen und für die Demokratie ist etwas, das nicht nur Jugendliche interessieren sollte!

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Interview mit Christian Linker auf der Frankfurter Buchmesse

ACHTUNG! Das Interview enthält Spoiler!

Christian Linker auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Christian Linker auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Mareike: Ich habe vom dein neuestes Buch bekommen, Der Schuss und ich bin eigentlich gar nicht so die Jugendbuchleserin, muss ich gestehen, aber als ich den Klappentext gelesen habe wusste ich, ich muss das lesen, weil es sehr aktuell-politisch ist. Wie kam dir die Idee, oder wann kam dir die Idee, dass du über dieses spezielle Thema schreiben möchtest?
Christian: Ehrlich gesagt hat schon lange in mir gewabert. Ich dachte, das Thema ist schon fast durch und ich bin zu spät. Mein allererster Roman, den ich je geschrieben habe, handelt auch von dem Thema. Es geht um eine Clique von Jugendlichen, die sich mit einer kleinen Gruppe von Rechtsradikalen, einer Splitterpartei anlegen. Für den Roman habe ich sehr lange keinen Verlag gefunden. Erst als ich Erfolg hatte mit anderen Büchern erschien dieses Buch 2005, Das Heldenprojekt.
Meine Agentin meinte in letzter Zeit zu mir: „Du musst nochmal etwas dazu schreiben“, und ich meinte, ich hätte das schon vor 12 Jahren gemacht. Sie meinte, Zeiten ändern sich halt und wir müssten nochmal was machen, weil auch die Bundestagswahl anstand.
Wir haben das dann mit dem dtv besprochen, letztes Jahr auf der Messe, und die Programmleitung meinte auch: „Wir machen das, und zwar für den nächsten September“. Eigentlich geht das gar nicht, weil die Programmplanung dann schon abgeschlossen ist. Ich habe dann alles andere erstmal zur Seite gelegt und diesen Roman geschrieben

M.: Hattest du eine bestimmte Stadt im Kopf, als du den Roman geschrieben hast? Ich musste die ganze Zeit an Berlin denken, das es ja definitiv nicht war.
Ch.: Nee. Es ist eben so neutral gehalten. Es gibt einen Bahnhof, eine Brücke, einen Fluss, so Sachen halt, dass es in jeder deutschen Großstadt spielen könnte. Zum einen finde ich es wichtig, dass sich niemand angepisst fühlt, und vor allen Dingen finde ich es schön, dass man sich beim Lesen nochmal anders hineinversetzen oder identifizieren kann, dass es eine gewisse Allgemeingültigkeit dadurch bekommt.

M.: Ich habe versucht mir die Story in Hamburg vorzustellen, weil ich da ja herkomme, aber das funktionierte für mich nicht.
Ch.: Warum?
M.: Weil Hamburg zwar eine aktive Naziszene hat, aber vor allem auch eine sehr viel größere linke Szene. Ich habe aber seit Jahren schon Freunde in Berlin, und die sind fast alle in Berlin-Hellersdorf großgeworden. Ich war da öfter zu Besuch und wurde tlw. zum Bahnhof gebracht, damit mich die Nazis nicht abfangen. Ich will gar nicht sagen, dass die Geschichte in Hamburg gar nicht funktioniert. Wir haben da auch jede Menge „Ghettos“ und ein Naziproblem, nur persönlich hatte ich beim Lesen eher Berlin vor Augen.

M.: Ich konnte mich schon in die Geschichte einfühlen. Vor allem Robin fand ich als Charakter super spannend, der immer sagt, er will sich aus allem raushalten und sei nicht politisch, hat aber so eine natürlich Menschlichkeit. Er hat ein natürliches Gefühl dafür was Recht und Unrecht ist.
Ch.: Das freut mich voll, dass das so rüberkommt.

M.: Was ich auch toll fand war, wie du Henry eingeführt hast. Es gibt ganz oft Probleme, nicht nur bei deutschen Autoren auch bei amerikanischen, dass das erste, was man über einen schwarzen Charakter erfährt, die Hautfarbe ist. Bei Robin erfährt man zuerst, dass Henry ein Mädchen ist und wuscheliges Haar hat, und erst danach, dass sie Schwarz ist. Hast du das bewusst so gemacht? Denn danach ist das ja auch nie wieder Thema von seiner Seite aus, nur wenn sie von ihren eigenen Rassismuserfahrungen spricht oder die Nazis über sie sprechen oder denken. Hast du dich da mit anderen Schwarzen zusammengesetzt oder wie hast du das gemacht?
Ch.: Ich hatte schon dieses Problembewusstsein. Jetzt wo du es sagst hätte ich tatsächlich auch mal rumfragen können, wie man das macht. Ich fand es irgendwie scheiße, denn wenn sie weiß wäre würde es nicht da stehen.
M.: Genau.
Ch.: Deswegen ist man eh immer relativ schnell in der Rassismusfalle, und ich habe versucht, das bewusst ein bisschen tiefer zu hängen.
M.: Also für mich als weiße hat das gut geklappt. Man weiß halt als Leserin oder Leser „Okay, sie ist schwarz“, aber das war’s auch erstmal. Von den Nazis abgesehen wird das von keinem zum Problem gemacht.

M.: Das Ende ist im Endeffekt ja keine einfache Lösung. Fred wird zum Märtyrer vom Block gemacht, er bekommt bei der Wahl 25% der Stimmen, er wird auch noch von einer deutsch-türkischen Polizistin, die aus dem Block kommt, erschossen. Das heißt, die Situation wird sich erstmal nicht beruhigen. Klar, zu diesem Thema passt ein komplexes Ende, aber war es nicht verlockend auch ein ganz einfaches zu schreiben? So die Richtung „Die Nazis bringen sich gegenseitig um“ oder so?
Ch.: Haha. Nee, das wäre mir echt zu einfach gewesen. Viele Sachen ändern sich im Verlauf während du an so einem Text arbeitest, aber dass es ein Scheißende sein soll, war von Anfang an klar. Magnus sagt zum Ende hin ja auch, dass es eine fast eine griechische Tragödie ist. Ich bekomme manchmal Emails, in denen die Leute stinkesauer über das Ende sind, wo ich dann aber merke, dass es eben etwas auslöst. Ich mag es auch, da ein bisschen zu provozieren. Für mich als Autor ist der schönste Gedanke, jemand hat mein Buch gelesen und legt es nicht einfach weg und holt sich gleich das nächste, sondern denkt halt nochmal eine Ecke drüber nach.

M.: Wie geht es jetzt mit Robin und Henry weiter? Robin zieht ja vermutlich bei Magnus und seiner Frau ein, wird er dann tatsächlich politischer Kämpfer?
Ch.: Keine Ahnung, was denkst du denn?
M.: … ich denke schon. Ich denke, für ihn war das eine sehr prägende Erfahrung. Und wenn es wirklich was mit ihm und Henry werden sollte, wird er automatisch politischer, weil er Rassismus dann viel näher erleben wird. Du hast also nur bis zum Ende des Buch gedacht und keine Nachfolgegeschichte?
Ch.: Genau. Das ist auch ein emotionaler Akt, Figuren dann auch gehen zu lassen. Das klingt vielleicht spooky, aber wenn du weißt, es ist gleich zu Ende, und schreibst den letzten Satz… ich brauche immer eine Weile, um mit den Figuren etwas warm zu werden. Anfangs ist es noch sehr abstrakt, aber im Prozess des Schreibens wachsen die Figuren… ja, als gäbe es die wirklich, dann hast du die wirklich lieb gewonnen, und wenn es vorbei ist, tut es auch ein bisschen weh. Die müssen jetzt ohne dich klar kommen. Und ich finde, das steht mir als Autor dann gar nicht mehr zu, da noch weiterzuspinnen. Deswegen habe ich dich gefragt. Manchmal, wenn Bücher von mir als Schullektüre durchgenommen werden, ist eine Aufgabe an die Schüler, ein alternatives Ende oder eine Fortsetzung zu schreiben. Und manchmal schicken sie mir das auch per Mail, und das finde ich immer total berührend. Zuerst war das nur in deinem Kopf, und auf einmal beschäftigen sich andere Menschen damit, denken weiter darüber nach…

M.: Das Buch ist ja kurz vor der Bundestagswahl 2017 raugekommen, und beim Lesen hatte ich oft eine Gänsehaut. Als Fred z.B. bei seinem Parteitag ist und sagt, das Ziel sei es, zweistellig in den Bundestag einzuziehen, und Frauke Petry hat wie er 25% als Direktmandat bekommen. Wie ging es dir mit den Ergebnissen der AFD am Wahlabend mit dem Wissen, dass du es in deinem Buch gerade erst geschrieben hattest?
Ch.: Ehrlich gesagt ging es mir da scheiße. Ich fand irgendwie den ganzen Wwahlsonntag schrecklich. Die Nazis haben diesen pathetischen Spruch „Wir sind fremd im eigenen Land“, und jetzt geht es auch uns so. Wir sind in einem Land großgeworden, in dem manches einfach galt, das war einfach so, und dazu gehörte auch, dass rechtsradikale Parteien nie in den Bundestag kommen. Und das ist eben nicht mehr. Es ist ein bisschen so, als wäre eine Epoche zu Ende. So hat sich das angefühlt. Und als Autor, als die AfD über den Sommer immer schlechtere Umfragen bekam, dachte ich – und das klingt ein bisschen pervers – „toll, jetzt versinken die in der Bedeutungslosigkeit und ich habe völlig umsonst mein Buch geschrieben.“ Trotzdem wäre es mir im Endeffekt lieber gewesen, denn ich glaube, das Buch funktioniert auch ohne dass die AfD im Bundestag sitzt. Leider ist es jetzt halt so. Der Schlusssatz, als Robin sagt: „Wir fangen jetzt eigentlich erst an, das ist jetzt nicht das Ende sondern der Anfang“… das Gefühl hatte ich schon beim Schreiben, aber auch vor allem am Wahlabend. Wir als Gesellschaft haben jetzt erstmal verkackt, aber jetzt kann man auch nochmal richtig loslegen und was machen.

M.: Was hast du da für Ideen?
Ch.: Mein Beitrag ist eben etwas zu schreiben. Was für mich war gestern auch ein schöner Moment war, du hast es vielleicht mitbekommen, die Diskussion um rechtsradikale Verlage. Gegenüber von Antaios ist die Antonio Amadeu Antonio Stiftung. Da bin ich gestern einfach mal hingegangen und habe ein bisschen mit denen gequatscht. Ich meinte irgendwann auch, dass ich sie nicht zulabern wolle, aber die Leute meinten, sie freuen sich total, wenn Leute vorbeikommen und sich einfach mal dazustellen. Es sind oft einfach die kleinen Gesten, ich oder ihr steht hier nicht alleine, sondern die stehen alleine. Wenn die Nazis die große Welle machen von wegen „wir sagen nur was alle denken“, nein Bullshit! Ihr seid echt wenige.

Vielen Dank für das Interview!

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Ein Gedanke zu “[Rezension] Christian Linker – Der Schuss

  1. Hey Mareike,

    danke für die Rezension zu diesem Buch! Ich hatte noch nichts davon gehört und jetzt landet es direkt auf meiner Wunschliste. Ich finde es sehr wichtig, dass es Jugendbücher zu solchen Themen gibt und interessiere mich immer sehr dafür! (:

    Liebe Grüße!
    Anna

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