[Rezension] Devakumaran Manickavasagan – Im Glashaus gefangen zwischen Welten. Ein Leben zwischen zwei Kulturen

Titel: Im Glashaus gefangen zwischen Welten. Ein Leben zwischen zwei Kulturen | Autor: Devakumaran Manickavasagan | Verlag: Engelsdorfer Verlag | ISBN: 978-3862689200

Worum geht’s?

In Im Glashausgefangen zwischen Welten schreibt Devakumaran Manickavasagan über die Schwierigkeiten von Kindern mit Migrationshintergrund, sich zwischen den Kulturen zurechtzufinden und eine eigene, unabhängige Persönlichkeit zu bilden. Als Grundlage dienen hier Manickavasagans eigene Erfahrungen in der tamilischen Kultur, aus der seine Eltern und Geschwister stammen und die auch das Leben in Deutschland prägt. Insbesondere steht hier auch das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern im Fokus, und wie die Eltern ihre Kinder prägen und sich das auf das spätere Beziehungsleben der Kinder auswirkt.

Wie war’s?

Manickavasagan greift auf seine eigenen Erfahrungen zurück, was eine wertvolle Basis sein kann. Zudem gibt der Autor Tips und Lebensweisheiten weiter, die ihm weitergeholfen haben. Problematisch ist allerdings, wie er das macht. Sätze wie „und was lernen wir daraus?“ oder „Was verdeutlicht der/die/das…“ wirken wie Belehrungen, als könnte der oder die Leser*in das Ausgeführte nicht selbst verstehen. Zudem maßt er sich Deutungen und Interpretationen an, die ihm in manchen Fällen nicht zustehen. Sagt ein Missbrauchsopfer „Es geht schon, ich habe es verarbeitet“, so glaubt er dem Opfer nicht, denn „in Wirklichkeit…belügen sie sich selbst. Dieser Schmerz…begleitet sie so lange, bis sie in Situationen, in denen die alten Erinnerungen aufkeimen, von ihren Gefühlen überwältigt werden.“ (S. 116f) Ich möchte auf keinen Fall bestreiten, dass es Migrantenkinder aus konservativeren Kulturen als der deutschen größere Schwierigkeiten haben, über Missbrauch zu sprechen und ihn zu verarbeiten. Pauschal aber allen Opfern zu sagen, sie würden sich selbst belügen, ist hier unangebracht. Die Deutungshoheit, wann was verarbeitet ist, haben immer die Opfer. Nicht Täter*in, Kultur, Gesellschaft, Familie, Außenstehende.

Als ebenfalls problematisch empfinde ich Manickavasagans Darstellung von Depression: „Ich komme trotz schwerer Schicksalsschläge allein durchs Leben, ohne in eine dauerhafte Depression zu verfallen…Eine unendliche Trauer oder Selbstmitleid würden mir die Freude am Leben nehmen…“ (S. 175). Ob man Depressionen hat oder nicht kann man nicht entscheiden wie man morgens aussucht, welche Hose man trägt. Ich freue mich für den Autor, dass er anscheinend nie eine Depression hatte. Dieser unterschwellige Vorwurf aber, Depressive würden sich in Selbstmitleid suhlen, ist unangebracht.

Die tamilische Kultur wird als äußerst konservativ, repressiv und kontrollierend kritisiert, dagegen wird die deutsche Kultur als das Paradies auf Erden beschrieben. Z.B. kritisiert der Autor, dass keiner der Elternteile Zeit in das Lernen der deutschen Sprache investiere. Er sagt aber nicht, dass das Angebot solcher Deutschkurse je nach Region nicht nur stark variiert, sondern insgesamt so rudimentär vorhanden ist, dass es gar nicht so leicht ist, mal eben einen Deutschkurs für Nichtmuttersprachler zu bekommen. Auch sonst wird vieles nicht erwähnt, was ich immer wieder mitbekomme: subtiler und offener Rassismus, Othering, Diskriminierungen. Ich kann nur annehmen, dass dies Erfahrungen sind, die die meisten Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (oder danach aussehen) in und mit der deutschen Gesellschaft machen.
Die deutsche Kultur wird nahezu nicht kritisiert, das einzige, was sich der Autor wünscht, sind die „alten Werte“, wie auch immer die aussehen mögen. Manickavasagan spricht von einer „unkontrollierte[n] Entfremdung von deutschen Werten“ durch eine „radikale Liberalisierung der Gesellschaft“ (S. 28). Das Internet sowie Internetbekanntschaften sind ihm da ebenso suspekt wie „der Austausch von Intimitäten im frühen Alter“.

Ich finde es unglaublich wichtig, dass es mehr „Own Voices“ in der deutschen Literaturlandschaft gibt, denn nach wie vor wird zu oft über Migranten und Flüchtlinge gesprochen als mit ihnen oder sie gar reden zu lassen. Ich hoffe, dass dieses Buch für Migrantenkinder und Jugendliche wirklich ein guter Ratgeber ist, und auch weißen Deutschen bietet Im Glashaus einen guten Einblick in das Innenleben eines Kindes oder Jugendlichen, der in zwei Kulturen aufwächst. Wenn ich allerdings Elifs Rezension zu Im Glashaus lese, scheint das zumindest nicht immer der Fall zu sein.
Ich habe mit Im Glashaus gefangen zwischen Welten große Probleme. Was mir neben einem roten Faden fehlt sind z.B. Fußnoten bei manchen in den Raum gestellten Aussagen, Statistiken hätte ich auch gerne gehabt, einfach damit ich mehr über den empirischen Aspekt des Buches erfahre. Da das Buch nicht als Erfahrungsbericht, sondern allgemein als Ratgeber für Migrantenkinder gelten soll, wirkt es ohne Fußnoten und klare Gliederung eher pseudowissenschaftlich. Zudem werden Punkte wie Sexismus kritisiert, aber im nächsten Satz reproduziert. Internetfreundschaften werden als ungesund dargestellt, Depressionen stigmatisiert. Die tamilische Kultur wird als konservativ und repressiv dargestellt, gleichzeitig wünscht sich der Autor die alten deutschen Werte, die, so wie ich sie mir vorstelle, noch mehr Sexismus, Rassismus und Homophobie bedeuten als es heute schon der Fall ist.
Ich kann dem Buch leider keine Leseempfehlung aussprechen.

Weitere Rezensionen

Elif auf The Written Word
Cindy auf Piranhapudel
Sascha auf Koreander

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2 Gedanken zu “[Rezension] Devakumaran Manickavasagan – Im Glashaus gefangen zwischen Welten. Ein Leben zwischen zwei Kulturen

  1. Die Deutungshoheit haben immer die Opfer. Dieser Satz ist so schlicht wie (ich scheue mich das Wort zu schreiben, aber es ist so) wahr. In so vielen Kontexten, in denen ich mich bewege wird das gerade vergessen. Und dieser Widerspruch zwischen Sichbefreienwollen vom Angestammten-Konservativen einerseits und die Hinwendung an irgendwelche alten Werte andererseits (die vom ersteren nicht verschieden sind) gibt es auch in der Community, der ich entstamme. Das Fußen in der Kultur, aus der die Eltern stammen ist eben nicht ganz überwunden. Das braucht sicher einiges an Generationen und guten (also antitraumatischen) Erlebnissen. Aber mich wundert auch, dass keine Diskriminierung drin vorkommt. Danke für die Rezension. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieses Buch was für mich ist…

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  2. Ich kann nur das Buch „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatarajah, ebenfalls Tamile, zu dieser Thematik empfehlen.
    Beschreibung auf amazon: „Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.“
    Der Schriftwechsel der beiden jungen Leute beleuchtet ohne Wertung, lässt mitfühlen, sich einfühlen und hat mir mehr als einmal die Tränen in die Augen getrieben über den Schmerz, der sich eröffnet und welcher nicht kleiner wird durch Erfolge. Auch habe ich die unterschwellige Angst gespürt, sein Erbe zu verraten oder zu vergessen.

    Gefällt 1 Person

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