Die Bücherkrähe

Nazis auf der FBM, Blogger gegen Blogger, und was wir tun sollten

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[Warnung: Dieser Artikel wird lang. Er wird sich mit den Vorfällen auf der FBM beschäftigen, aber auch mit den Bloggern, wie sie untereinander miteinander umgegangen sind und wie wir als Blogger auf die Vorfälle reagieren können oder vllt auch sollten.]

Nazis auf der FBM

Schon im Vorfeld wurde die Frankfurter Buchmesse dafür kritisiert, dass sie eindeutig rechte Verlage zugelassen hat. Die Junge Freiheit war auch schon die letzten Jahre vertreten, ob Antaios auch schon dabei war kann ich nicht sagen weil nicht auf dem Schirm. Dieses Jahr war die Stimmung aber deutlich angespannter. Die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rassismus einsetzt, war gegenüber des Antaios Verlages platziert und damit eine permanente Contra-Stimme gegenüber den Rechten.
An den ersten ein, zwei Messetagen passierte nicht viel. Ich bekam am Rande mit, dass es kleinere Protestaktionen gegen die Präsenz der Nazis gab, aber im Großen und Ganzen war’s das. Am Freitag änderte sich das, als ich bereits erste Berichte hörte, dass Gegendemonstranten teils körperlich angegriffen wurden, der verbale Schlagabtausch also physische Ausmaße annahm. Samstag passierte dann das, was die Bloggerblase auf Twitter zum Brodeln brachte, zumindest meine, und zunächst diejenigen, die zuhause geblieben waren (dazu gleich mehr). Während der Buchpräsentation Mit Linken leben gab es bereits Gegenproteste, als Björn Höcke die Bühne betrat, wurden diese lauter. Schließlich wurden einige dieser Gegendemonstranten von Götz Kubitschek tätlich angegriffen. (Anm: Ich fasse zusammen, was ich aus Berichten auf Twitter ersehen konnte). Von verletzen Demonstranten wurden Personalien von der Polizei aufgenommen und Platzverweise an sie verteilt, die rechten Täter konnten ungehindert gehen. Danach wurde die rechte Lesung von einer Polizeikette abgesperrt, die allerdings nicht die Veranstaltung des Antaios Verlages im Auge behielt, von der aus wohl massive Provokationen ausgingen, „Alle hassen die Antifa“ skandiert und der Hitler Gruß gezeigt wurde, sondern die Gegendemonstranten. Fühlt sich nach diesen Berichten an wie eben jede Antifa-Demo – prügelnde Nazis werden beschützt, laute aber friedliche Gegendemonstranten werden kriminalisiert.

Die Frankfurter Buchmesse hat im Vorfeld erklärt, sie lasse deswegen auch rechte Verlage zu (sie lädt sie nicht ein), da in Deutschland Meinungsfreiheit herrsche. Meinungsfreiheit ist gerade in der Literatur (und Journalisten-) Szene ein hohes Gut, wenn nicht das höchste. Ein solches Gut, dieses hart erstrittene Menschenrecht, das nach wie vor nicht in allen Ländern der Welt gilt, tritt man nicht gerne, schränkt es nicht gerne ein und lässt lieber zu viel zu als zu wenig.
Man muss aber auch sehen, in welcher Staatsform dieses Gut historisch gedeiht: in einer Demokratie. Es daher fast schon widersprüchlich, Leuten dieses Recht zuzugestehen, die eben jene Demokratie und Meinungsfreiheit abschaffen wollen, auf die sie sich derzeit gerne berufen. Meinungsfreiheit, ebenso wie Religionsfreiheit, Redefreiheit, Recht auf Demonstration, etc…all diese Bürger- und Menschenrechte sind meiner Meinung nach unanfechtbar. Doch damit diese unanfechtbar bleiben, muss die Demokratie bestehen bleiben, und nach den aktuellen politischen Ereignissen nicht erst seit November 2016 ist sie nicht mehr selbstverständlich. Aktuell müssen diejenigen, die in einer Demokratie bzw. Freien Gesellschaft leben wollen (ja, dazu zähle ich auch anarchistische Gesellschaftskonzepte), sie verdammtnochmal auch verteidigen. Und wenn das bedeutet, dass Nazis keine Bühne geboten wird, auch nicht auf einer wirtschaftlichen Messe, dann hat man Nazis keine Bühne zu bieten. Man verbietet sie und ihre Meinung nicht. Man macht es ihnen aber schwer, ihre hasserfüllten, menschenfeindlichen und menschenunwürdigen Botschaften unter die Menschen zu bringen.

Deswegen, liebe Frankfurter Buchmesse, lass auf der Buchmesse nächstes Jahr bitte keine rechten Verlage zu. Ich denke, auf das Geld kannst du auch verzichten, vor allem in Hinblick auf Marcel Reich-Ranicki. Zudem ist die Sicherheit der anwesenden Gäste ganz offensichtlich nicht gewährleistet. Menschen mit wie auch immer gearteten Migrationshintergrund, ob man es ihnen nun ansieht oder nicht, linksorientierte Menschen, ob man es ihnen nun ansieht oder nicht, Menschen, die sich schlicht gegen Nazis äußern, ob nun laut oder leise – sie alle sind nicht sicher und sind der Gefahr von Gewalt ausgesetzt. Verbaler Rassismus ist dabei ebenso Gewalt wie die Faust im Gesicht, sie sieht nur anders aus und verletzt auf andere Weise. Es ist dennoch Gewalt. Und als Person, der man das „Linkssein“ ziemlich eindeutig ansehen kann, möchte ich mich auch in den nächsten Jahren über die Messe bewegen können, ohne befürchten zu müssen, von rechten Kackbratzen angegangen zu werden.
Die Frankfurter Buchmesse braucht keine Nazis. Die Nazis währen die ersten, die den internationalen Austausch unterbinden und abschaffen würden.
Niemand braucht Nazis.

Wieso kam so wenig von den anwesenden Bloggern? Und wieso zerfleischen wir uns gegenseitig?

Blogger leben quasi auf Twitter, und die Nachricht von den oben beschriebenen Vorfällen verbreitete sich recht schnell. Auf den Schritt folgten aber auch gleich die Fragen, warum denn die anwesenden Buchblogger nichts schreiben. „Hallo, es ist nicht alles kuschelflauschig, ihr Einhornversteher, hört auf, die Realität auszublenden und schreibt gefälligst drüber.“ Überspitzt formuliert, trifft es aber ganz gut.

Ich weiß nicht, wieviele von meinen Leser*innen schon auf einer Buchmesse waren, egal ob Leipzig oder Frankfurt. Wer noch nicht dort war, hat vielleicht keine Vorstellung davon, wie unfassbar riesig schon alleine eine Halle ist. Es kann also durchaus passieren, dass man in derselben Halle ist, in der ein Übergriff von Nazis auf Gegendemonstranten erfolgt, der auch lautstark begleitet wird – und man bekommt absolut nichts davon mit. Entweder hört man es gleich gar nicht – sehr wahrscheinlich – oder man bekommt ein bisschen mit, denkt sich aber nichts dabei oder ordnet es einer der zig Veranstaltungen zu, die es auf den Messen gibt. Die wenigsten werden an einen gewalttätigen Übergriff denken, wenn sie es nicht direkt sehen bzw. miterleben. Wenn es also schon schwer genug ist, in derselben Halle etwas mitzubekommen, so ist es ungleich schwerer, außerhalb davon von welchen Ereignissen auch immer zu erfahren.

Der sonst perfekt geölte Flurfunk Twitter setzt auf den Messen aus. Nicht unbedingt, weil das Netz überlastet ist, sondern, wie Anna es so schön formulierte: „Die Messen sind das einzige, wo im Real Life mal mehr passiert als auf Twitter. Natürlich diskutieren wir dann mehr im Real Life.“ Obwohl das schon auf die Vorwürfe gemünzt war, die Buchblogger würden sich zu wenig äußern, trifft Annas Aussage das Messeleben im Kern. Natürlich wird getwittert – aber gelesen wird wenig. Man kann endlich mit ein paar der Menschen, die man sonst nur online kennt oder eben nur zu Messen trifft, auch von Angesicht zu Angesicht sprechen. Twitter und die restlichen Social Media Kanäle werden zwar bedient, aber deutlich reduziert konsumiert. Der Begriff der „Blase“ trifft auf die Messen ganz besonders zu, weil man einfach abgeschnitten ist von der Informationsflut.
Von den Übergriffen am Samstag habe ich z.B. erst auf dem Weg von der Messe zu meiner Unterkunft erfahren. Über Twitter. Als ich endlich Luft hatte, mehr als zwei Nachrichten weit zu scrollen. Ich habe Videos, auf denen Menschen „Alle hassen die Antifa“ skandieren, sofort meiner Messe-WG gezeigt, und natürlich haben wir auch verfolgt, was da weiter kam.
Ich hatte meinen vierten Messetag hinter mir, einige von uns ihren dritten, und für mehr als Retweets hatte ich keine Kraft. Wofür wir alle aber Kraft hatten: Diskutieren. Untereinander und im Real Life. Das war irgendwie naheliegender als Twitter. Bei bestellter Pizza und Schokolade haben wir uns ausgetauscht, was wir von den Vorfällen halten (Nazis sind scheiße und gehören nicht auf die Messe), ob ein Messeboykott sinnvoll ist wie auf Twitter angesprochen wurde (nein, aber dazu später mehr), wie wir darauf reagieren wollen usw.

So weit, so gut. Oder auch nicht. Denn sehr viele Blogger, die nicht auf der FBM waren, fingen nun an, die Blogger auf der Messe dafür zu kritisieren, dass sie so still waren und sich nicht äußerten. Ohne jemanden in Schutz nehmen zu wollen, aber viele haben es erst sehr viel später mitbekommen, wenn überhaupt. Andere haben sich außerhalb von Social Media ausgetauscht. Zumindest bei allen Bloggern, die ich getroffen habe, war der Samstagabend Tagesthema! Wieder andere wollen oder können sich erst später äußern.
Und vermutlich sehr, sehr viele, werden es leider gar nicht tun. Deswegen aber erstmal blind auf alle anwesenden Messeblogger einzudreschen verfehlt für mich das Ziel. Es wurde nicht differenziert wurde, auch nicht differenziert werden konnte, weil Twitter dafür einfach nicht die geeignete Plattform und das Thema einfach zu aufgeladen und wichtig ist. Doch sogar ich, die sich sonst gut aus der Bloggerblasendefinition ausklammern kann, fühlte mich angegriffen. Vielleicht, weil ich auch schon Samstag mehr schreiben wollte als ich konnte, weil ich das Gefühl hatte, mich positionieren zu müssen, obwohl meine Position zu Nazis allen klar sein dürfte, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte obwohl ich keins zu haben brauchte. Ich fühlte mich angegriffen, denn obwohl ich mich zu den Personen zähle, die politisch interessiert und auf welche Art auch immer engagiert sind, so auch von anderen wahrgenommen werde, wurde mir, als Teil der Buchbloggerblase, vorgeworfen nicht politisch zu sein, dass mir die Nazis wohl egal und Kuschelparties mit Bloggern wohl wichtiger sein. Da hilft es auch nichts, mir hinterher zu sagen, ich sei nicht gemeint. Ich WEISS dass ich nicht gemeint bin. Aber ich werde mitbezeichnet.

Das ist ein fieses Gefühl, ganz besonders, weil ich weiß, was die kritischen Stimmen meinen: Die Buchblogszene ist allgemein sehr unpolitisch, manchmal zu unpolitisch, und, wie Elif anmerkte, oft zu still. Und sie hat Recht. Ob man das allerdings ändert, indem man innerhalb kürzester Zeit mit einem Baseballschläger virtuelle Schellen verteilt, bevor überhaupt irgendwer Zeit gefunden hat, was zu sagen, bezweifle ich an dieser Stelle einmal.

Und jetzt?

Die Ereignisse der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt zeigen, dass die Literaturszene nicht unpolitisch ist (und übrigens niemals war), und dass auch wir als Buch- und Literaturblogger uns positionieren müssen. Auch diejenigen, die lieber nichts politisches schreiben und ihre rosarote Zuckerwattewolke von Bloggerszene behalten wollen, denn diese Zuckerwattewolke wird schnell verschwinden wenn Nazis mehr und mehr Raum bekommen. Denn Nazis sind vieles, aber bestimmt nicht zuckerwatteflauschig.

Es hilft aber auch nicht, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen. Gerade jetzt, wo die AfD in Bundestag sitzt, Bernd Höcke doch nicht aus der AfD ausgeschlossen werden soll, Nazis von der Polizei unbehelligt jetzt auch auf Buchmessen prügeln können und die Politik in den westlichen Industrienationen allgemein rechter wird, müssen wir zusammenhalten. Wir als Blogger haben mit unseren Blogs und anhängigen Social Media Kanälen eine Plattform, eine Stimme. Ich nutze sie schon länger für gesellschaftliche Themen wie Feminismus oder Solidarität mit Flüchtlingen. Elif schreibt regelmäßig über Rassismus in der Literatur. Anna und viele andere Bloggerinnen setzen sich mit Sexismus auseinander. Fabian und Jan fordern immer wieder mehr Diversity und Sichtbarkeit von LGBTQ*. Ich würde mich freuen, wenn andere Blogger*innen nachziehen.

Übrigens hilft es meiner Meinung nach auch nicht, die FBM jetzt boykottieren zu wollen. Wegen dieser Vorfälle? Ernsthaft, wenn ich jedes Mal das Feld räumen würde, wenn Nazis, Rassisten, Sexisten und andere mir das Leben schwer machen, könnte ich das Haus nicht mehr verlassen. Außerdem, und das ist noch viel wichtiger, entzieht man dann auch linken Verlagen wie dem Verbrecherverlag, Edition Nautilus sowie Stiftungen wie der Amadeu-Antonio-Stiftung die Unterstützung und ggf. Solidarität, die sich auch auf den Messen gegen Rechts einsetzen.

Ich fordere genau drei Dinge:

  1. Ich fordere Blogger*innen auf einzusehen, dass die Literaturwelt politisch ist und auch die Buch/Literaturblogs davon auf lange Sicht nicht unangetastet bleiben. Es war seit Jahrzehnten nicht so wichtig wie jetzt, politisch zu sein und sich für eine demokratische, vor allem freie Gesellschaft einzusetzen.
  2. Ich fordere Geduld und ehrlich gesagt auch Verständnis von Blogger*innen, die bereits politisch unterwegs sind, für Blogger*innen, die jetzt erst langsam anfangen. Ich fordere, dass wir uns nicht gegenseitig zerfleischen. Auf andere pauschal einzudreschen, nur weil manche Blogger*innen die Nazi-Stände nicht permanent bewacht und es gewagt haben, Spaß auf der Messe zu haben. Seid solidarisch.
  3. Keine rechten Verlage, keine Nazis auf den Buchmessen! Der Vollständigkeit halber: Nazis braucht keiner irgendwo.
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