[On Tour] Harbourfront Literaturfestival 2017

September ist in Hamburg die Zeit des Harbourfront Literaturfestivals, und 2017 findet es bereits zum 9. Mal statt.

Ich wurde netterweise für die Schülerlesung von Angie Thomas sowie die Lesung von Laurie Penny akkreditiert, und beide Veranstaltungen haben sich durch und durch gelohnt.

Interessanter Weise haben sich beide Frauen für ihre jeweiligen Regierungen entschuldigt, Thomas für Trump, Penny für Brexit, und auch sonst waren beide Autorinnen sehr politisch.

Angie Thomas und der tägliche Rassismus

Angie Thomas, Steffie Ericke-Keidtel, Jerry Kwarteng (v.l.n.r.)

Angie Thomas sprach nicht nur über ihr Buch The Hate U Give, das in der deutschen Fassung von Jerry Kwarteng gelesen wurde, sondern auch über ihren persönlichen Erfahrungshorizont, der in das Buch mit einfloss, wie sich „The Talk“ verändert hat und wie Harry Potter sie geprägt hat. Sie ist selbst in einer Gegend aufgewachsen, in der es regelmäßig zu Schießereien kam und um sich abzulenken ist sie mit Harry nach Hogwarts gefahren (Sidenote: sie ist eine Ravenclaw). Etwas, dass sich aber auch seit ihrer Jugend nicht geändert hat, ist die Repräsentation von Schwarzen in der Literatur. Thomas nannte Zahlen, nach denen in nur 7% der Kinder- und Jugendbücher Schwarze Kinder vorkommen und damit weniger repräsentiert sind als Latinos oder asiatische Kinder, und 25% der Kinderbücher haben Hunde, Tiere allgemein und sogar Trucks als Protagonisten. Laut Thomas sinkt die Zahl der PoC-Charaktere sogar. Ein trauriges Zeugnis könnte man meinen, vor allem für eine Gesellschaft, in der viele PoC leben. Allerdings sollte man den us-amerikanischen Literaturmarkt nicht zu schnell verurteilen, denn die Repräsentation von bspw. türkischstämmigen Menschen ist hierzulande auch nicht gerade bombe.

Angie Thomas berichtet vom Rassismus in den USA

Etwas anderes, das Thomas ansprach, war „The Talk“. Damit ist nicht das Gespräch mit Bienchen und Blümchen gemeint, sondern wenn Schwarze Eltern ihren Kinder erklären, wie sie sich in Gegenwart von der Polizei zu verhalten haben. Bisher, so Thomas, konnte man davon ausgehen, dass man als Schwarze Person aus einer Polizeisituation ohne größere Probleme rauskam, wenn man „sich richtig verhalten hat“. Seit den jüngsten Vorkommnissen in den Staaten, wo Schwarze Menschen ohne ersichtlichen Grund erschossen wurden, also starben obowhl sie alles richtig machten, sieht das anders aus. Eltern wissen nicht mehr, was sie ihren Kindern erzählen sollen, denn es gibt keine Sicherheit mehr, dass extrem ruhiges, beschwichtigendes Verhalten hilft, dass sie mit dem Leben davon kommen. Dieses Racial Profiling ist übrigens nicht nur in den Staaten ein Problem sondern auch ein Deutschland. PoC, egal ob Schwarze, Menschen aus dem Nahen Osten oder türkischen Wurzeln (um nur einige Beispiele nennen) werden regelmäßig Opfer von dieser Art Rassismus (natürlich nicht nur von dieser). Im Zuge dessen sprach Thomas auch über „Colorblindness“, also einer Einstellung von weißen, die sagen „Ich sehe keine (Haut)farben/mir ist egal, welche Hautfarbe du hast“. Thomas meinte nun, dass es durchaus okay ist die Unterschiede, auch in der Hautfarbe, zu sehen und wahrzunehmen. Wichtig sei dabei aber, dass man sich dem Gegenüber nicht aufgrund der Hautfarbe überlegen fühle. Außerdem würde diese „Farbenblindheit“ die Erfahrungen von PoC negieren, die diese mit Rassismus nun einmal machen. Im Gegenteil sei es also besser, die Unterschiede zu sehen, um den Gegenüber wirklich ernstzunehmen. Nur sich eben überlegen fühlen, das ist scheiße.

Die anwesenden Schüler*Innen lernten also nicht nur eine gute Portion über Rassismus, sondern merkten auch, dass viele ihrer Mitschüler*innen darunter zu leiden haben.
Angie Thomas war unglaublich sympathisch, und was noch wichtiger ist: sie hat angesichts der trostlosen rassistischen Realität nicht ihren Humor verloren und den Jugendlichen vermittelt, dass es nichts bringt, sich zu verkriechen.

Laurie Penny und ein feministisches Feuerwerk

Jodie Ahlborn, Marie Schmidt, Laurie Penny (v.l.n.r.)

Am 20.09. War Laurie Penny im Übel&Gefährlich im Bunker an der Feldstraße. Dass diese Lesung politisch werden würde war klar, immerhin hat sie gerade eine neue Essaysammlung rausgebracht. Der Titel: Bitch Doktrin. Wenn man eh schon ständig als Bitch beschimpft wird, wenn man als Frau den Mund aufmacht, so Penny, kann man sich diese Bezeichnung auch gleich aneignen und formen. Penny sprach darüber, was es für den Feminismus bedeutet unter Trump zu leben. Anstatt sich um weiterführende Probleme der Gleichberechtigung zu kümmern müsse man jetzt wieder ganz von vorne anfangen, bei den Basics: Frauen sind Menschen. „Guys, that’s not a revolutionary statement!“ (Penny)

Insgesamt wurden drei Abschnitte aus Bitch Doktrin vorgelesen: Die US-Wahlen 2016, Single-Dasein als Frau, und wie Penny eine Lanze für diejenigen Männer bricht, die sich auf die Seite von Feministinnen stellen und diese auch bspw. im Internet verteidigen (Penny: „Das höchste, was ein Mann heutzutage riskiert, wenn er sich auf die Seite von Frauen und ihren Forderungen steht, ist sein sozialier Status als Mann“, sprich, er könnte von anderen Männern abgewertet und als Beta-Männchen bezeichnet werden). Vor allem das Kapitel über das Singledasein und warum es für Frauen in der Regel die bessere Alternative zur heterosexuellen, monogamen Beziehung darstellt, wurde breit diskutiert. Für Frauen ist es eben nicht das absolute Nonplusultra, in einer Beziehung zu leben, neben Beruf den Haushalt und die Kindererziehung zu wuppen und emotionale Beziehungsarbeit zu leisten. Kindererziehung werde nicht als Arbeit wahrgenommen, sondern als spaßige Freizeitaktivität. Deswegen sei auch die Annahme falsch, wer Kinder bekomme wurde sich vor der Arbeit drücken, es ist nur eine andere Art von Arbeit. Was Penny nicht gesagt hat: die Arbeitszeiten von Eltern sind 24/7, und das jahrelang. Und da nach wie vor die meiste Erziehungsarbeit von Frauen geleistet wird, ist es auch nach wie vor ein Frauenproblem, wenn das nicht anerkannt wird.

Inklusion auf Lesungen? Scheint nicht Jedermanns Sache zu sein…

Zwischendurch gab es noch ein wenig Aufregung im Publikum. Anfangs wurde gefragt, ob man das Gespräch zwischen Laurie Penny und Marie Schmidt übersetzen solle, oder ob alle Englisch verstünden. In der ersten Reihe meldete sich eine ältere Dame, dass sie für eine Übersetzung sei. Da sie in der Minderheit war, wurde beschlossen, nicht zu übersetzen. Ich fand die Entscheidung grenzwertig. Ich finde solche übersetzten Zusammenfassungen selbst ziemlich anstrengend, weil ich Englisch gut genug spreche. Aber in dem Moment, wo ein Gast (ein zahlender noch dazu) die Sprache nicht beherrscht, sollte übersetzt werden. Die Veranstaltung lief erstmal auf Englisch, die Passagen sollten auf Deutsch gelesen werden. Da schritt die ältere Frau schließlich ein und meinte, wenn alle so gut Englisch könnten, warum dann auf Deutsch gelesen würde, sie würde ja eh nichts verstehen. Sie beschwerte sich, dass sie schon so viele gute zweisprachige Lesungen besucht hätte und nicht verstünde, warum das hier nicht ginge. Ich kann ihren Unmut verstehen, allerdings hörte sie nicht mehr auf, und ließ sich weder von Penny noch von der Veranstalterin beruhigen. Als es schließlich weiterging, und jemand nach ein paar Fragen und Antworten vorschlug, dass man doch das jetzt kurz übersetzen könne, meinte Fr. Schmidt schlicht: „Darauf bin ich jetzt nicht vorbereitet.“ Im Endeffekt hat sie das vorher gesagte dann zwar doch zusammengefasst, und auch später immer mal wieder. Allerdings war dabei ein so deutlicher Widerwillen zu spüren, dass ich mich frage, ob es überhaupt je geplant war zu übersetzen (denn wenn nicht verstehe ich nicht, wieso anfangs gefragt wurde). Auf der Homepage vom Harbourfront Festival habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, dass die Veranstaltung auf Englisch stattfindet. Ich kann also verstehen, dass die Frau davon ausging, es wäre auf Deutsch.
Die Situation war insgesamt etwas unglücklich. Die ältere Frau wollte sich nicht beruhigen (und weckte dadurch den Unmut der anderen Gäste), und die Übersetzung kam danach nur auf Nachfrage und sehr widerwillig (was ich sehr unangenehm fand). Ich finde es schade, denn gerade bei einer feministischen Lesung sollte man erwarten, dass das Thema Inklusion, und sei es bei sprachlichen Aspekten, kein Problem darstellen sollte.

Von diesem Vorfall abgesehen war Pennys Lesung großartig und viel zu schnell vorbei. Ich könnte Laurie Penny stundenlang zuhören. Zum Trost, weil das nicht geht, lese ich halt ihr neues Buch weiter.

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3 Gedanken zu “[On Tour] Harbourfront Literaturfestival 2017

  1. Ich hatte gar nicht richtig mitbekommen, dass die Lesungen mit Angie Thomas speziell für Schüler*innen waren, in Frankfurt war es dann auch so, glaube ich. (Das erklärt die Uhrzeit …). Ich find es aber klasse, dass eine kleine Deutschlandtour gemacht wurde. Besser wären vielleicht sogar Autor*innen, die sich speziell mit Rassismus in Deutschland beschäftigen (damit gar nicht erst die Ausrede aufkommen kann, dass das alles nur „da drüben“ wäre), aber gerade hat sie auch hier eine gute Aufmerksamkeit, da ist das ein toller Start für diese Gespräche.

    Dass da nicht übersetzt wurde, ist in der Tat aber sehr seltsam. Bin selber auch kein Fan davon, weil es letztlich auch Zeit einnimmt, aber solange eine Person es braucht … zumal dieses Hin und Her, dass die Veranstalter*innen da verursacht haben, erst recht nach verschwendeter Zeit klingen.

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  2. Hey😃,

    Ich bin sehr froh über den Beitrag! Dadurch bekomme ich, zumindest auf auf schriftlicher Ebene, etwas vom Harbour Front Festival mit😉.

    Beide Gespräche hören sich wirklich sehr interessant an und ich finde gut, dass bei Angie Thomas nicht bloß auf das Buch an sich eingegangen wurde. Da vermutlich fast nur Schüler dort waren, konnte die Lesung somit auch auf belehrender Weise punkten! Das Thema ist wirklich wichtig, und es ist toll dass es Menschen wie Angie Thomas gibt, die ihre Botschaft auf Events wie diesen, auch einem jüngeren Publikum vermitteln.

    Von Laurie Penny habe ich nie etwas gehört (vlt sollte ich das mal ändern😉), aber trotzdem hört sich das was du von ihrer Lesung berichtest echt gut an! Das mit der Dame, die sich beschwert hat, hat mich eine Situation erinnert, die ich vor ein paar Monaten erlebt habe: wir waren mit der Klasse in einem Theaterstück über Flüchtlinge und die 2. Hälfte bestand ausschließlich auf einer politisch basierten Diskussion auf Englisch. Nach wenigen Minuten Laufzeit dieser 2. Hälfte ist eine Reihe Seniorinnen, die vor uns saßen aufgestanden und gegangen. Im Programm stand kein Wort darüber, dass es diese englische Diskussion geben würde, und wenn sie es offensichtlich nicht verstanden haben, dann ist das ganz schön blöd…

    Nochmals vielen Dank und bis Donnerstag😉

    Alles Liebe,
    Feli

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  3. Pingback: [Federlesen] Cultural Appropriation in der Jugendliteratur: Ein aktueller Fall. | Die Bücherkrähe

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