[Rezension] Jay Kristoff – Nevernight. Die Prüfung

 Titel: Nevernight. Die Prüfung | Autor: Jay Kristoff | Verlag: Fischer Tor | ISBN: 978-3-596-29757-3

Worum geht’s?

Mia Corvere verliert mit 10 Jahren alles: Ihren Vater an den Strang, ihre Mutter und Bruder an das Gefängnis, und sie selbst muss um ihr Leben rennen. 6 Jahre später wird sie von ihrem Meister, der sie zur Assassinin ausgebildet hat, zur Roten Kirche geschickt, der Kirche der Assassinen, um dort ihre Ausbildung zu beenden. Der Weg dorthin gestaltet sich schwierig, und auch das Leben unter all den Mörderinnen und Mördern gestaltet sich zwar spannend, aber auch erwartungsgemäß sehr gefährlich. Immer an Mias Seite ist Herr Freundlich, die Katze die keine Katze ist, und in den Schatten auf sie aufpasst. Doch auch er kann Mia nur bedingt vor den Gefahren und den Erfahrungen bewahren, die sie in der Roten Kirche macht.

Wie war’s?

Nevernight wurde diesseits und jenseits des Atlantiks in den höchsten Tönen gelobt. Die Welt, die Charaktere und vor allem die Sprache sollen unfassbar bezaubernd, außergewöhnlich und originell sein. Die Story packend bis man seine Nägel auf die Haut runtergekaut hat.
Entsprechend groß waren meine Erwartungen – die nicht erfüllt wurden. Die Sprache fand ich eher sperrig und schleppend als außergewöhnlich, die Story zog sich ewig hin, und die ersten 550 Seiten sind maximal Mittelmaß. Die Charaktere sind bis auf Herrn Freundlich bei weitem nicht so faszinierend wie man erwarten möchte, und auch wenn Sympathien für den ein oder anderen wachsen, ist es bei den wenigsten so, dass man sie vermissen würde. Die Story fühlt sich ebenso wie die meisten Charaktere austauschbar an, teilweise fühlte mich an Hogwarts erinnert – nur mit etwas mehr Blut.

Zudem gab es ein paar kleine, aber feine Details, die mich Korinthenscheißer zumindest anfangs gestört haben.
Es gibt drei Sonnen. Drei. Ich bekomme immer noch nicht in meinen Kopf, wie das astrophysisch funktionieren soll. In der Leserunde meinte jemand, „das ist halt Fantasy“ – frei nach dem Motto „in der Fantasy gelten andere Regeln und Gesetze!!“ Finde ich trotzdem komisch, denn die Schwerkraft scheint ja einwandfrei zu funktionieren! Aber gut, ich habe mich recht schnell daran gewöhnt…
Ein anderer Punkt, der mich etwas genervt hat, war der Name eines Charakters: Adonai. Adonai ist die Bezeichnung der Juden für Gott, da das Tetragram JHWH, das Nichtjuden gerne mit Jaweh übersetzen, eigentlich unaussprechbar ist. Adonai ist also, wenn man so will, eine heilige Bezeichnung. Ja, sie bedeutet übersetzt „Herr“ oder „Mein Herr“, also etwas „profaneres“ als Gott. Trotzdem. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, einen Charakter Allah zu nennen, auch wenn der Name Jesus in spanischsprachigen Ländern durchaus gängig ist. Ich bin weder religiös noch gläubig. Von mir aus darf jeder glauben was er mag, solange er seine Mitmenschen nicht beeinträchtigt. Dazu gehört für mich auch, die für manche Menschen heiligen Namen nicht zu profanisieren. Vielleicht rege ich mich mehr darüber auf als ich sollte, vielleicht sehen das jüdische Leser*innen ganz anders oder nicht so eng. Aber ich für mich finde es komisch.

Der Showdown zieht das Tempo schließlich kräftig an und, man verzeihe mir dieses Klischee, die Ereignisse überschlagen sich. Wie man es trotzdem schaffen kann, selbst dort noch Längen einzubauen, ist mir ein Rätsel und zeugt in diesem Fall von einem besonderen Talent des Autors.

Die letzten Seiten konnten das Buch für mich nicht retten, und ich werde den nächsten Teil nicht lesen. Der einzige Handlungsstrang, der mich reizen würde, ist höchstens Nebenhandlung, wenn er nicht sogar nur aus kurzen Einwürfen besteht. Das reicht nicht für das Fortsetzen einer Serie.

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9 Gedanken zu “[Rezension] Jay Kristoff – Nevernight. Die Prüfung

  1. Na du,

    wie schade, dass es dir nicht so gefallen hat. Ich kann nicht behaupten, deine Punkte nachvollziehen zu können – habe das Buch komplett anders erlebt. Ich denke aber auch, es hat etwas mit der Übersetzung zu tun. Original und Übersetzung (habe reingelesen) sind in keiner Weise vergleichbar; die Übersetzung empfand ich tatsächlich auch als sehr sperrig. Im Englischen hat Jay Kristoffs Schreibstil einfach eine unglaubliche Eleganz. Die Neologismen beispielsweise (nevernight, truedark, gentlefriend etc.) hören sich für mich im Deutschen einfach nur doof an.

    „Es gibt drei Sonnen. Drei. Ich bekomme immer noch nicht in meinen Kopf, wie das astrophysisch funktionieren soll.“ – Jay hat einen Freund, der Astrophysiker ist. Mit ihm hat er genau diese Konstellation intensiv durchgesprochen, was man, wie ich finde, auch merkt. Ansonsten sehe ich es aber so wie auch andre in der Leserunde: Ist halt Fantasy, die darf das. Und da wir im Grunde sowieso keine Ahnung haben, was in diesem Universum möglich ist, ist prinzipiell alles möglich. (Darauf baut ja auch Science-Fiction.)

    „Dazu gehört für mich auch, die für manche Menschen heiligen Namen nicht zu profanisieren. Vielleicht rege ich mich mehr darüber auf als ich sollte, vielleicht sehen das jüdische Leser*innen ganz anders oder nicht so eng. Aber ich für mich finde es komisch.“ – Ich find’s eher komisch, aufgrund religiöser Befindlichkeiten zu „zensieren“. Wahrscheinlich bin ich einfach unsensibel, was das Thema angeht, da ich das Konstrukt Religion nicht verstehe. Würde mich auch sehr interessieren, wie Angehörige des Judentums dieses Detail wahrnehmen!

    Wie gesagt: Total schade, dass es dir nicht gefallen hat! Vielleicht gefällt dir ja Illuminae? 🙂

    Hab einen schönen Sonntag!

    Liebe Grüße

    Saskia

    Gefällt 3 Personen

    • Ahoi Saskia!

      Ich bin tatsächlich am Überlegen, noch mal ins englische Original zu gucken, weil ich schon so eine Ahnung hatte, dass es vielleicht an der Übersetzung liegen könnte. Das ist aber wirklich mehr der sprachliche Aspekt, die Story selbst wird sich dadurch ja wenig ändern 😉 Wobei ich das Ketzenvieh echt ins Herz geschlossen habe xD
      Illuminae werde ich aber auf jeden Fall noch lesen, das ist ja eher SciFi, wenn ich das richtig verstanden habe. Außerdem steht das Buch schon längst hier und ich bin ganz verliebt in die Aufmachung!

      Zu den Sonnen: Okay, mit deiner Erklärung kann ich mich sehr viel mehr anfreunden, dass wir eben nicht wissen, was in diesem Universum möglich ist. Ich mag halt diese Allround-Entschuldigung „Ist Fantasy, da geht alles“ nicht sonderlich, weil damit eben auch Plotholes und was weiß ich wegdiskutiert werden.

      Zum Thema Religion: Für mich hat das weniger mit Zensur als mit Respekt zu tun. Ich kann dem Konstrukt Religion auch wenig abgewinnen (hey, ich bin die Quotenatheistin an meinem Fachbereich :D), aber einfach einen anderen Namen zu wählen tut nicht weh…? Mich würde allerdings wirklich interessieren, was Juden das wahrnehmen… Vielleicht gehe ich mal auf Exkursion in eine Synagoge und frage nach.

      Hab noch eine zauberhafte Woche!
      Cheerio,
      Mareike

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  2. Ich hab bisher nur Hype-Berichte über dieses Buch gelesen, eine etwas kritischere Stimme zu „hören“ ist dabei echt erfrischend. Trotzdem reizt mich das Buch un d wenn sich der Hype etwas verflüchtigt hat, werde ich mal reinlesen und mich selbst überzeugen.
    Schönen Sonntag 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ach mal ganz ehrlich, Harry Potter ist auch ein Hype, ich finde die Bücher toll, aber kenne auch zig Leute, die weder Büchern noch Filmen das Geringste abgewinnen können 😀 Insofern kann es ja durchaus sein, dass für dich der Hype gerechtfertigt ist.

      Viel Spaß beim Lesen!
      Cheerio
      Mareike

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  3. Jay Kristoff ist für mich einer der Autoren, mit denen ich partout nicht warm werde. Bereits bei Stormdancer musste ich gestehen, dass seine Bücher nicht mein Fall sein werden. Seine Sprache, seine Art Geschichten zu erzählen uns seine Figuren sind für mich einfach gar nichts. Als Nevernight ao stark gehypt wurde, habe ich mir die Leseprobe geholt und wurde erneut darin bestätigt, dass er und ich keine Freunde werden können. Ich lese vieles in Englisch und bei der Leseprobe von Nevernight habe ich schon fast aufgegeben weil dir Sprache einfach nur selbst verliebt und den Eindruck vermittelte wie „ich möchte so gern den Wortwitz eines Terry Pratchett haben aber kanns nicht“. Ich denke Geschmäcker sind verschieden aber bei deiner Rezension bin ich voll bei dir.

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  4. Ich möchte das Buch ja unbedingt lesen und finde es interessant, dass dies meine ERSTE Rezension ist, welche gegen das Buch spricht! Sehr interessant! 😀
    Aber jeder sieht das ja anders und ich dachte immer: Omg ein Buch, was wirklich ALLE ausnahmslos lieben. Aber hey, ich denke, so ein Buch wird es vielleicht nie geben. 😀

    Danke für die aufschlussreiche Rezension. Vorallem dass sie nicht so lang ist!

    xoxo Vera 😛

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