[Federlesen] Geschichte und Politik in Bildern

Ein anderer Zugang zur Geschichte

Ein spezielles Genre innerhalb der Graphic Novel Welt ist das der Geschichte, also historische Schlaglichter. Durch die Bilder einer Graphic Novel können Details deutlicher transportiert und andere Gefühle geweckt werden. Sei es nur, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Städte Bremen und Hannover aussahen, als die Serienmörder Haarmann und Gesche Gottfried (in Gift) ihr Unwesen trieben, oder sich bei Barbara Yelins Bildern in Irmina ein gewisses Unbehagen breitmacht, wenn die Protagonistin durch die Straßen der Nazizeit läuft.

Aus „Above the Dreamless Dead“

Vor allem aber bieten diese Graphic Novels einen anderen Zugang zu historischen Themen. Wie oft hört man von Jugendlichen (oder auch Leuten in meinem Alter), dass das 3. Reich bis zum Erbrechen in der Schule durchgenommen wurde? Und dennoch habe ich bspw. das meiste über Bücher und Dokumentationen gelernt. Woran das liegt? In der Schule gibt es, egal, wie intensiv das Thema bearbeitet wird, nur Ausschnitte. Graphic Novels wie Rosa Winkel, Irmina oder Maus bieten nicht nur neue Themen sondern werfen auch ein neues Licht auf bereits bekannte Aspekte.
Mit Gedichten können viele nichts anfangen. Above the Dreamless Dead jedoch transportiert wie keine andere Graphic Novel und kaum ein anderes Buch die Gedanken der Soldaten, die Sinnlosigkeit und den Schrecken des Ersten Weltkrieges. Es gibt einem vermeintlich drögen Geschichtsthema eine neue Dimension.

Aktuelle Themen spannend aufbereitet

Doch auch zeitgeschichtliche und politische Themen werden von Graphic Novels aufgegriffen und den Leser*innen näher gebracht. Die Rückkehrer streift aktuelle Kriege und konzentriert sich vor allem auf PTBS, unter der viele Veteranen leiden und die es ihnen oft unmöglich macht, sich wieder in den Alltag einzufügen. Die Präsidentin entwirft eine Zukunftsvision was hätte passieren können, wäre Le Pen Präsidentin Frankreichs geworden, Persepolis berichtet von einem Mädchen, dass die islamische Revolution im Iran miterlebt, und Drei Steine erzählt von einem Jugendlichen und seinen Kampf gegen Rechts, inklusive der Gewalt, die er von den Neonazis erfährt.

Warum sind solche Graphic Novels relevant?

Graphic Novels, die politische und historische Themen aufgreifen und bearbeiten, sind aus mehreren Gründen eine Bereicherung. Sie greifen oft Randthemen auf oder entwerfen Szenarien, die in Zeitungen und der restlichen Medienlandschaften wenig bis gar nicht besprochen werden. Sie stehen damit in der Tradition von Karrikatur und politischen Comics, gehen mit ihrer Länge aber über die Begrenzung des Platzes hinaus und liefern so mehr Tiefe. Sie können historische Umstände und politische Zusammenhänge erklären ohne dass es den Rahmen sprengt. In einer Zeit, in der Geschichtsverständnis immer weniger vorhanden ist und Politikverdrossenheit um sich greift bzw. gesellschaftliche Gruppen in bedenkliche Richtungen entwickeln, bieten Graphic Novels einen frischen Zugang zu aktuellen Themen.

Grapic Novels können also durchaus historisches und politisches Verständnis fördern, ohne den oder die Leser*in dabei zu Tode zu langweilen.

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12 Gedanken zu “[Federlesen] Geschichte und Politik in Bildern

  1. Sehr aufschlussreich, vielen Dank! 🙂

    Ich bin mir sicher, dass du nicht nur mir damit ein bisschen die Augen geöffnet hast. Graphic Novels stehen ja meist in einem ganz anderen Licht und waren für mich bisher immer eher uninteressant. Aber du hast recht, es ist etwas komplett Anderes, diese Themen in der Schule durchzunehmen (bis zum Erbrechen, wie wahr…), als sie durch Bücher und Graphic Novels veranschaulicht zu bekommen.

    Jetzt hast du mich direkt neugierig gemacht. 🙂 Vielleicht ist das ja was für mich…

    Liebe Grüße,
    Carina

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    • Ahoi Carina!
      Grapic Novels sind sicherlich nicht jedermanns Sache, verständlicherweise. Es gibt allerdings so viel zu entdecken, einfach wei ldie Auswahl so groß ist und ständig wächst.
      Vielleicht hast du bei dir auf der Ecke ja eine Bibliothek, die auch Graphic Novels hat, auf Dauer gehen die nämlich ganz schön ins Geld. Ohne die unfassbar gut bestückte Abteilung der Hamburger Zentralbibliothek könnte ich dieser Leidenschaft bei weitem nicht so fröhnen 😉

      Cheerio
      Mareike

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  2. Huhu,
    fand es auch sehr spannend. Ich habe erst vor kurzem überhaupt angefangen, Graphic Novels ernst zu nehmen. Habe zuerst das Erbe gelesen (bei meinem Freund, der mir die Novel auch empfohlen hatte) und fange nun mit Maus an. Ich finde auch, dass man tiefere Einblicke in historische Zeiten bekommen kann. Dennoch ist es natürlich so, dass gewisse Vorkenntnisse schon hilfreich beim Verständnis sind…
    Spannend sind sie aber allemal und vor allem auch sehr, sehr wichtig, wie du sehr schön dargestellt hast 🙂
    VG Jennifer

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    • Ahoi Jennifer!

      Bei den Vorkenntnissen bin ich mir nicht sicher bzw würde das nicht für alle unterschreiben. Ich habe im Juni „Votes for Women“ rezensiert, und auch wenn ich mir eine Übersicht der Personen gewünscht hätte, konnte ich der Story ohne weiteres folgen – obwohl ich von der Frauenbewegung in Großbritannien null Ahnung hatte. Bei „Rosa Winkel“ bestanden meine Vorkenntnisse darin, dass ich wusste, dass ich auch Homosexuelle in KZ kamen. Die Umstände und die Entwicklung, auch später in der Bundesrepublik, entzogen sich mir völlig.
      Ich denke, es kommt da sehr auf die Graphic Novel an 🙂

      Cheerio und weiter viel Spaß mit den GN,
      Mareike

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo,

    sehr interessant das Thema. Ich bin ja eigentlich nicht so der Graphic Novel Leser, aber mit deinem Beitrag hast du mir schon Lust gemacht, doch mal zu einer geschichtlichen Graphic Novel zu greifen. Das diese so gute, tiefgehende Einblicke bereithalten hätte ich nicht gedacht.
    Welche würdest du denn einem Anfänger wie mir besonder empfehlen?

    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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    • Ahoi Diana!

      Sorry dass ich dir jetzt erst antworte, aber ich habe die letzen Tage nachgegrübelt, welche Graphic Novels ich dir als Einstieg empfehlen könnte.
      Bei den geschichtlichen Graphic Novels tendiere ich zu „Votes for Women“ und „Rosa Winkel“ (ich habe beide Rezensiert), da sie neben dem historischen auch einen sehr aktuellen Bezug haben und außerdem gut verständlich sind. Außerdem hat mir „Haarmann“ sehr gut gefallen, vor allem durch den klaren Zeichenstil.

      Eine meiner All-Time-Favorites ist allerdings „Habibi“ von Craig Thompson. Wunderschöne Zeichnungen, eine spannende, manchmal märchenhafte Story… es war die erste Graphic Novel, die ich je gelesen habe, und sie ist immer noch ein ganz besonderer Schatz.

      Viel Spaß beim Schmökern,
      Mareike

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