[Sammelrezension] Feministische Essaybände

Oft genug hat man keine Zeit oder Muse, ein ganzes Buch zu einem feministischen Thema zu lesen, manchmal möchte man einen Querschnitt durch die Themen. Für diese Bedürfnisse sind Essaybände hervorragend geeignet, denn die kurze, in der Regel pointierte Form des Essays erlaubt es einem, in kurzer Zeit neuen Input zu bekommen.

Chimamanda Ngozi Adichie – Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories

Adichies TED-Talk We should all be Feminists ist inzwischen weltberühmt und gilt als idealer Text, um sich erstmals mit Feminismus auseinanderzusetzen. Warum? Weil er einige Felder anspricht, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Für manche Kritiker ist das zu oberflächlich, doch für Vertiefung gibt es genügend weiterführende Literatur.
In der deutschen Ausgabe sind außerdem vier Kurzgeschichten enthalten, die z.T. auch Intersektionalität ansprechen.

Roxanne Gay – Bad Feminist

Gay befasst sich in ihren Essays mal mehr, mal weniger offensichtlich mit Feminismus. Mal analysiert sie die Banalisierung der Sprache, mit der in den Medien sexuelle/sexualisierte Gewalt beschrieben wird, dann wieder Rape Culture in Songs, aber auch Rassismus in gehypten Filmen nimmt sie unter die Lupe. Sie untersucht vor allem die Popkultur, weniger theoretisch, sondern sehr praktisch und immer mit persönlichem Bezug. Das macht die Essays sehr zugänglich, auch wenn man keine PoC ist. Vielmehr öffnen diese Einblicke neue Sichtweisen auf problematische Inhalte der Popkultur (Ihr mögt Django Unchained? Lest mal ihr Essay dazu!)
Das wichtigste ist aber ihre Überzeugung, dass es nicht „die perfekte Feministin“ gibt – und „it’s okay when I do not live up to my best feminist self.“ Während sie den Feminismus sehr ernst nimmt, ist sie der Meinung, dass man selbst nicht die perfekte Feministin sein muss, gerade weil wir in einer Gesellschaft leben, die von jeder*m jederzeit Perfektionismus erwartet.

Andi Zeisler – Wir waren dich mal Feministinnen. Vom Riot Grrrl zum Covergirl. Der Ausverkauf einer politischen Bewegung

Wie auch Gay befasst sich Zeisler mit Sexismus und Feminismus in der Popkultur. Ihre These ist vor allem, dass der Feminismus durch Werbung und Popkultur verwaschen wird, was katastrophale Folgen hat: „Vielmehr sehen wir untätig zu, wie der Hochglanz-Wohlfühl-Feminismus den tief verwurzelten Formen der Ungleichheit die Aufmerksamkeit entzieht.“ (S. 15)
Sie beschreibt, wie Feminismus immer noch als kratzbürstig dargestellt wird, wird er nicht von nett anzusehenden Vertreter*innen präsentiert. Z.B. Tailor Swift, die sich erst gänzlich der Idee des Feminismus verweigerte, schließlich umschwenkte und dann als neue Feministin gefeiert wurde.
Sprachlich ist Zeisler manchmal etwas sperrig, doch nach einiger Zeit hat man sich eingelesen und findet in diesem Essayband einige treffende Analysen der Popkultur.

Lea Schmid (Hrsg.; u.a.) – Lookismus. Normierte Körper, diskriminierende Mechanismen, (Self-) Empowerment

Dieser dünne Essayband stellt einige sehr kurze Essays zusammen, die verschiedene Spektren des Lookismus beleuchten. Neben einführenden Texten werden bspw. die Verschränkung von Lookismus mit Ableismus oder Lookismus mit Klassizismus erklärt oder Erfahrungsberichten Raum gegeben.
Persönlich finde ich das kleine Büchlein großartig, zumal es das bisher einzige in dieser Richtung auf dem Markt ist. Ein wirklich großer Nachteil der Texte ist allerdings die sperrige Sprache. Es ist ein Manko nicht weniger Texte aus dem linken Spektrum, dass sie so geschrieben sind, dass sie nicht leicht zu lesen oder zu verstehen sind.

Rebecca Solnit – Wenn Männer mir die Welt erklären

Dieser Sammelband beinhaltet sieben feministische Essays von Rebecca Solnit, u.a. auch ihren viel beachteten Text Wenn Männer mir die Welt erklären. Obwohl sie selbst dieses Wort dort nicht benutzt, gilt der Essay als Ausgangspunkt für die Diskussion um Mansplaining, einem Phänomen, das das Verhalten eines Mannes beschreibt, eine Frau über Themen „aufzuklären“, von denen diese vermeintlich nichts wissen (kann), ungeachtet des Wissens der Frau bzw. des unzulänglichen Wissens des Mannes in der Situation. Andere Essays drehen sich bspw. um Vergewaltigung oder die Bedeutung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Nicht mit allen ihrer Ansätze gehe ich konform, für zwischendurch ist das Buch aber sehr gut geeignet.

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4 Gedanken zu “[Sammelrezension] Feministische Essaybände

  1. Hallo,

    vielen Dank für diese interessante Zusammenstellung. Besonders das Buch über Lookismus finde ich sehr interessant. Das hat es dann gleich mal auf meine Wunschliste geschafft.

    LG
    Julia

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  3. Pingback: [Sonntagsleserin] Juli 2017

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