[Gastbeitrag] Ain’t I a Woman? von Elif

Heute gibt es kein Federlesen von mir, sondern ein Gast-Federlesen von Elif zum Thema Intersektionalität. Vielen Dank!


Ain‘t I a Woman?

Diese Formulierung geht auf Sojourner Truth zurück. Die in Sklaverei geborene Schwarze (1) Aktivistin verfasste die Worte für eine Rede, die sie am 29. Mai 1851 hielt – also vor rund 166 Jahren. Dies geschah zu einer Zeit, als Frauen in den USA für ihre Rechte kämpften, insbesondere das Frauenwahlrecht. Die sogenannten Suffragetten erreichten 1920 ihr Ziel – Frauen durften wählen.

Sagte ich Frauen? Es müsste wohl weiße Frauen heißen – und Weiße-Frauenwahlrecht. Schwarze durften noch jahrzehntelang nicht wählen – auch Schwarze Frauen nicht. Wenn Sojourner Truth fragt, ob sie keine Frau ist, dann meint sie auch das. Wen meinten die Frauenrechtlerinnen? Für wen standen sie ein? Ist es feministisch, für die einen einzustehen – und die anderen aufgrund von Rassismus auszuschließen?

Nun wäre es schön, wenn wir sagen könnten: 166 Jahre. Das ist Geschichte. Heute sind alle Frauen, ach was, alle Menschen gleich. Heutige Feministinnen sind nicht rassistisch und sich der Vergangenheit bewusst.

Wenn dem so wäre, würden die Schauspielerinnen des Filmes „Suffragette“ in T-Shirts posieren, auf denen zu lesen ist: I’d rather be a rebel than a slave? Was ist das Problem an dieser Aussage? Dass Sklav*innen keine Wahl hatten. „Slave“ wird inflationär gebraucht, als sei es die eigene Verantwortung von Unterdrückten, wenn sie unterdrückt würden. Diese Aussage ist nicht intersektional, sondern sehr naiv, zu kurz gedacht und einseitig.

Grafik (c) Tyler Feder

Deshalb ist mir Intersektionalität so wichtig. Feminismus und Intersektionalität sind für mich untrennbar. Meine Lebensrealität ist, dass ich nicht allein eine Frau bin, ich bin eine Frau mit türkischer und muslimischer Sozialisation in Deutschland. Ich habe das „Glück“, dass ich weiß gelesen werde – wie ist es aber bei anderen Frauen? Die sichtbar People of Colour sind? Die Schwarz sind? Die ein Kopftuch tragen? Sind sie keine Frauen?

Wenn wir über Feminismus reden, müssen wir immer auch über weitere -ismen reden: Rassismus, Ableismus und Klassismus sind die gängigen Beispiele. Wenn dir Feminismus wichtig ist, du aber keinen wert auf Antirassismus legst, dann ist dein Feminismus nicht ausreichend und exkludierend. Sind die anderen Frauen denn keine Frauen?
Darum geht es, wenn wir uns Intersektionalität wünschen.

Das Ganze soll allerdings kein Diskriminierungswettbewerb werden – es geht nicht darum, wer am meisten marginalisiert wird. Es geht darum, dass viele Menschen anders marginalisiert werden – sowohl als Frau, als auch als queere Person, als auch als Person of Colour zum Beispiel. Und es geht darum, sich vor Augen zu führen, dass man selbst mögliche Privilegien genießt.

Grafik (c) Elif

Nehmen wir wieder mich als Beispiel. Ja, ich bin eine Frau und erlebe Sexismus. Und ja, ich bin türkisch und muslimisch sozialisiert und erlebe deshalb hin und wieder Rassismus. Aber: ich habe das Privileg, weiß gelesen zu werden. Ich habe das Privileg, cis und hetero geboren zu sein. Ich habe das Privileg, in einer Mittelschichtsfamilie aufgewachsen zu sein. Ich habe das Privileg, Zugang zu Bildung erhalten zu haben. Und mehr. In einer Gesellschaft, in der Weißsein, Cis- und Heterosein, Gesundsein und mehr bevorzugt behandelt wird, habe ich es damit leichter als andere. Das heißt nicht, dass meine oder eure Erfahrungen in Bezug auf – zum Beispiel – Sexismus nicht valide sind. Das sind sie. Das heißt nur, dass ich in einem bestimmten Kontext marginalisiert und in einem anderen wieder privilegiert sein kann. Es ist wichtig, dass wir uns das vor Augen führen, damit wir, wenn wir uns gegen Ungerechtigkeiten einsetzen, alle meinen und alle mitnehmen. Diese Herrschaftsmechanismen sind untrennbar miteinander verbunden.

Zuletzt möchte ich noch den Bogen zu Büchern und Buchblogs schlagen.
Immer mehr Buchblogger*innen legen wert auf angemessene Repräsentation von weiblichen Charakteren – was ich super finde. An anderer Stelle bewerben sie dann aber Bücher, die rassistische, homofeindliche oder ableistische Stereotype bedienen. Deshalb würde ich mir mehr Sensibilisierung wünschen. Geht es in dem Buch um Behinderung? Sucht nach Rezensionen von Menschen, die selbst betroffen sind – vielleicht finden diese die Darstellung nicht gelungen (Beispiel: „Everything, Everything“ von Nicola Yoon). Selbiges gilt für rassistische oder homofeindliche Stereotype. Ihr werdet sehen, dass ihr dazulernt und ‚Sensoren‘ entwickelt. Das würde ich mir für uns wünschen. Denn Feminismus muss alle Frauen meinen – auch wenn sie Schwarz sind. Auch wenn sie ein Kopftuch tragen. Auch wenn sie trans sind. Auch wenn sie eine Beeinträchtigung haben. Ein Feminismus, der exkludiert und die Sojourner Truths von heute nicht einbezieht, ist nicht mein Feminismus.


(1) Um zu verdeutlichen, dass Schwarz und Weiß soziale Konstruktionen und keine natürlichen Kategorien sind, wird von Schwarzen Aktivist*innen angeraten, „Schwarz“ auch als Adjektiv großzuschreiben.


Elif über sich

Ich bin eine 24-jährige Studentin aus dem schönen Bremen und wohl das, was man eine „Deutschtürkin“ nennt. Irgendwie hatte ich schon immer einen Hang zu Gerechtigkeit, beispielsweise, als ich mit etwa 5 Jahren mehr mit der linken Hand machen wollte, obwohl ich Rechtshänderin bin, weil ich fürchtete, die linke Hand könnte sich vernachlässigt fühlen. Ungerechtigkeiten haben mich schon immer genervt – mit der Zeit bin ich nur noch sensibler geworden und habe mir Wissen angeeignet, das ständig im Aufbau ist.
Nebenbei bin ich übrigens noch Gelegenheitsbloggerin auf meinem Blog The Written Word.

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2 Gedanken zu “[Gastbeitrag] Ain’t I a Woman? von Elif

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