[Rezension] Dufranne/Vicanovic/Lerolle – Rosa Winkel

Titel: Rosa Winkel
Autor: Michel Dufranne
Zeichnungen: Milorad Vicanovic, Christian Lerolle
Verlag: Jacoby Stuart
ISBN: 978-3-941787-79-7

[Triggerwarnung: Die Rezension bespricht ein Buch, das Diskriminierung, Verfolgung und Vergewaltigung von Homosexuellen thematisiert]

Worum geht’s?

Berlin in den 1930er Jahren. Der junge Andreas lebt und arbeitet hier erfolgreich als Werbezeichner, genießt das Leben mit seinen Freunden und die Liebe – mit anderen Männern. Andreas ist homosexuell, und während das vor der Machtergreifung Hitlers schon nicht einfach war, verändert sich danach der Alltag für Homosexuelle. Andreas und viele seiner Freunde wollen das zunächst nicht wahrhaben, denn sie kennen auch schwule Nazis, nicht zuletzt Ernst Röhm, Chef der SA.
Nachdem Andreas mehrfach von der Polizei verhaftet wird, deportiert man ihn schließlich ins KZ Neuengamme bei Hamburg. Er überlebt, findet seine Mutter, die immer zu ihm gehalten hat, und hofft, dass es nun besser wird. Doch die Diskriminierung endet nicht.

Wie war’s?

Obwohl der Titel der Graphic Novel auf die Nazizeit anspielt, reicht die Geschichte weiter. Es wird ein Leben von Diskriminierung und Erniedrigung geschildert, von Vergewaltigung im Gefängnis und Herunterspielen des erlebten Leids, wie ein einst lebenslustiger Mann über die Jahrzehnte immer verzweifelter und verbitterter wurde. Den Autoren und Zeichnern ist ein beeindruckendes Zusammenspiel von Zeiteschichte, Story und Bildern gelungen, das Geschichte sehr lebendig macht. Sowohl die Ungläubigkeit, was da gerade passiert, wird glaubhaft vermittelt, als auch die tiefe Liebe und Akzeptanz von Andreas‘ Mutter, die ihren Sohn liebt wie er ist und ihm immer wieder Kraft gibt. Trotzdem bleibt die Lage für Homosexuelle hoffnungslos. Von den Behörden werden sie nicht als Opfer des Nazi-Regimes anerkannt, von Angehörigen im KZ Verstorbener dafür verurteilt, dass sie überlebt haben. Es ist unfassbar erdrückend.

„Sie werden verstehen, dass die Entschädigung für die echten Opfer vorgesehen ist…“

Der Zeichenstil ist sehr klar, was hilft, die einzelnen Charaktere auseinanderzuhalten. Zudem ist die Graphic Novel größtenteils in schwarz weiß gehalten bzw. in Sepiatönen, da es sich um rückblickend erzählte Erinnerungen handelt. Nur in den KZ-Szenen gibt es Farbtupfer – um die Farben der einzelnen Winkel, die den Deportationsgrund des Häftlings anzeigten, zu zeigen. Ein anderes Detail sind die unfassbar gut getroffenen Propagandaposter, die Andreas für die Nazis enwarf.

Wer ein faible für Graphic Novels hat und/oder sich für Geschichte interessiert, wird hier einen kleinen Schatz entdecken.

Farbtupfer in einer grau in grauen Welt: die Winkel auf der Häftlingskleidung

Mini-Crashkurs: §175

Wenn man an den Holocaust denkt, kommen einem in der Regel zuerst die Millionen Juden in den Sinn, die in dessen Zuge ermordet wurden. Sie waren allerdings nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, die von den Nazis verfolgt, in Konzentrationslagern ausgebeutet und getötet wurde. Über die Verfolgung von Homosexuellen wurde und wird nur wenig berichtet, die Literatur ist dürftig. Das mag daran liegen, dass Homosexuelle nach Ende des Krieges nicht als „echte Opfer“ angesehen wurden, sondern als Kriminelle.
1872 wurde der §175 eingeführt, der homosexuelle Handlungen strafbar machte, und übrigens auch „Unzucht mit Tieren“ abdeckte. Er wurde von den Nazis verschärft, in der neuen Bundesrepublik und der ehem. DDR übernommen, und so Homosexualität weiter als Verbrechen verfolgt. Auch als homosexuelle Handlungen seit 1973 ab dem Alter von 18 Jahren in der BRD nicht mehr verfolgt wurden, führte die Polizei Listen mit Daten von Homosexuellen. Der § 175 wurde erst 1994 aufgehoben, Homosexualität juristisch nicht mehr als Verbrechen angesehen, und die Verurteilten von 1935-1945 rehabilitiert.

Ein persönliches Wort

Man könnte meinen, damit sei die Sache erledigt, homosexuelle Menschen haben die gleichen Rechte wie Heterosexuelle, und alles ist hübsch mit Schleifchen drum. Trotzdem gibt es bisher nur eingetragene Lebenspartnerschaften, aber keine Ehe für Homosexuelle, über Adoptionen müssen wir uns gar nicht unterhalten, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wurde mehrmals geschändet, und der Alltagssprache wird „homo“ oder „bist du schwul, oder was?“ als abwertende Phrasen benutzt, in meinem Bekanntenkreis gibt es mindestens einen, der einen Suizidversuch hinter sich hat weil er Angst hatte, sich zu outen. Und von Transgender, Pansexualität, Genderfluidity und alles, was unter queer fällt, habe ich noch gar nicht angefangen.
Es ist noch ein langer weg, bis dahin: Lieb doch, wen du willst!

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3 Gedanken zu “[Rezension] Dufranne/Vicanovic/Lerolle – Rosa Winkel

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