[Lesung] Jonathan Safran Foer, Abraham und Isaak

Am 28. Januar war es endlich soweit, Jonathan Safran Foer war live und in Farbe in Hamburg – und das auch noch in der altehrwürdigen Laeizshalle in Hamburg. Bis zur Fertigstellung der Elbphilharmonie war die Musikhalle die erste Adresse für klassische Konzerte, und macht zumindest von außen optisch ganz schön was her. Jedenfalls, wenn man auf barocken Stil steht.

wp-1485983663547.jpgDie Flure zum Kleinen Saal waren etwas eng, was auch an dem vollgepackten Büchertisch lag, den mein Stammdealer und Mitveranstalter Cohen&Dobernigg aufgestellt hatte. Neben den Büchern von Foer konnte man dort auch einige Werke von Saša Stanišić erstehen, der den deutschen Teil der Lesung übernahm.
Nach einigen getauschten Plätzen (ernsthaft, liebe Laeiszhalle, die Nummerierung eures kleinen Saals ist nur für Fortgeschrittene) saßen meine Freundin und ich wie auf dem Silbertablett in der ersten Reihe – direkt vor Foer.
wp-1485982591123.jpgDie Moderation übernahm Daniel Beskos vom Mairisch Verlag. Er fragte Foer unter anderem, ob er sich in Deutschland wohlfühle. Foer meinte daraufhin, dass er bei seinem ersten Besuch hier wirklich Angst hatte, denn so wurde es ihm von Kindesbeinen an eingeimpft: du kaufst kein deutsches Auto und vor allem fährst du nicht nach Deutschland, das ist gefährlich. Bei ihm war es also nicht Liebe auf den ersten Blick, bei der man oft nicht weiß, ob man den Menschen liebt oder das Gefühl, verliebt zu sein, sondern eine Art langsame Überzeugungsarbeit. Ein witziger Einwurf von ihm war auch, dass er das letzte Mal In Deutschland war, als einen Tag vorher die Staaten im Irak einmarschiert sind. Er dachte, danach könne es eh nie schlimmer kommen… Vielleicht solle er aufhören, nach Deutschland zu kommen. Außerdem, sagte Foer, hätten nicht nur Juden oder Muslime Grund, in Europa oder anderswo nervös zu sein, sondern alle überall. Er spielte damit auch auf die neue Regierung unter Trump an, ohne diese beim Namen zu nennen.

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Schließlich las Foer endlich aus seinem Buch vor, später gab es auch zwei deutsche Auszüge, die von Saša Stanišić brillant wie humorvoll vorgetragen wurden.(1) Sollte es jemals ein Hörbuch von Here I Am geben, soll bitte er es einlesen. Ich bin fast zusammengebrochen vor Lachen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich eine der beiden Szenen so gelesen hätte wie er sie interpretiert hat. Was er auf jeden Fall auch geschafft hat: ich bin neugierig auf seine Werke geworden, und werde mich demnächst mal genauer mit ihm auseinandersetzen.(2)

wp-1485982558138.jpgEin theologisch inspirierter Titel: הִנֵּֽנִי

Besonders spannend fand ich auch Foers Ausführungen, wie es zu dem Titel kam. Here I Am/Hier bin ich rekurriert auf Genesis 22, als Gott Abraham ruft, und dieser mit הִנֵּֽנִי, zu Deutsch „Hier bin ich“ antwortet. „Er antwortete nicht ‚Was willst du?‘ oder ‚Noch 5 Minuten‘, sondern mit ‚Hier bin ich‘, mit einer bedingungslosen Anwesenheit und Hinwendung zu Gott.“ הִנֵּֽנִי ist tatsächlich eine Art Verpflichtung demjenigen gegenüber, dem man antwortet. Nun führte Foer weiter aus, dass manche Theologen meinen, nicht die Opferung seines Sohnes sei Abrahams Prüfung gewesen, sondern wie er auf den Ruf Gottes reagiert.
Allerdings ist das in dieser Perikope noch nicht alles. Als Abraham mit Isaak zur Opferstelle geht, spricht Isaak ihn an, und auch ihm antwortet Abraham mit הִנֵּֽנִי. Er geht Isaak gegenüber also die gleiche bedingungslose Verpflichtung ein wie gegenüber Gott, und diese Spannung ist es, die Foer mit zu diesem Titel veranlasste.

Für mich als Theologin war das natürlich ein extra Schmankerl, und das macht es für mich noch spannender, den Roman endlich zu lesen. Zu meiner Schande muss ich nämlich gestehen, dass ich es bisher noch nicht geschafft habe.
Ursprünglich wollte ich mir noch eine Widmung von Foer holen, aber es war so brechend voll und ich ehrlich erledigt, ich wollte nur noch nach Hause. Zum Glück sah meine Freundin es auch so, und wir machten uns auf den Spaziergang nach Hause.


(1) Einleitungssatz: „Hallo. Ich bin etwas nervös…nein, bin ich nicht, aber er [Beskos] meinte, ich soll das sagen, um Sie auf meiner Seite zu haben.“ Nervös hätte er auch wirklich nicht sein müssen.
(2) Das passiert mir übrigens öfter auf Lesungen, dass ich den Gastautoren mindestens genauso spannend finde wie den Hauptakteur. So z.B. auch passiert auf einer Lesung von Lilly Lindner 2016, als ich das erste Mal Fitzek auf der Bühne sah und wusste: den muss ich mir angucken.

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2 Gedanken zu “[Lesung] Jonathan Safran Foer, Abraham und Isaak

  1. Danke für den spannenden Lesungsbericht! Ich bin ja ein wenig neidisch. 😉 Das klingt alles nach einem tollen, fesselnden Abend! Foer und Stanišić sind eine großartige Kombination. Tickets für die Lesung waren da verständlicherweise sehr begehrt und ich hoffe, Foer war nicht zum letzten Mal für Lesungen in Deutschland. Dein Bericht ist da ein schöner Trost/ Ersatz für alle, die nicht dabei sein konnten.

    PS: Es gibt bereits eine Hörbuchversion des Buches, allerdings gekürzt und gelesen von Christoph Maria Herbst (der ebenfalls ein famoser Hörbuchsprecher ist).

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  2. Vielen Dank für den Bericht. Ist wirklich spannend zu lesen, wie sich solche Autoren dann sozusagen „live“ auf der Bühne geben. Ich habe bisher auch noch nicht all zu viel von ihm gelesen, du hast mir aber gerade Lust gemacht mir „Here I Am“ zu kaufen (wenn es nur nicht mehr so teuer wäre, da blutet mein Studentinnenherz). Danke nochmal 🙂

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