[Federlesen] Märchenverfilmungen

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Das gilt insbesondere für das Fernsehen. Vor allem auf den öffentlich Rechtlichen werden verstärkt Märchen gezeigt, meistens Filme, aber auch Serien wie Simsala Grim werden ausgestrahlt. „Märchen [werden] heute wesentlich durch FIlm und Fernsehen erzählt.“ (1), und wenn man sich eine Fernsehzeitschrift anguckt merkt man: kommt hin. Vor allem der Sonntag ist ein Märchentag, an dem alte und neue Verfilmungen im Programm stehen.

Tschechische und deutsche Realverfilmungen

In den deutschen Medien sind vor allem die tschechischen Märchenverfilmungen aus den 1970ern bekannt, allen voran Drei Nüsse für Aschenbrödel, das seit ein paar Jahren massenwirksam als das Weihnachtsmärchen verkauft.

Natürlich gab und gibt es auch deutsche Verfilmungen, die modernsten die Reihen Sechs/Acht auf einen Streich , die die Märchen in ihrer Urpsrungsfassung umsetzen und mit einer gehörigen Prise Humor würzen.

Sowohl tschechische als auch deutsche Märchenverfilmungen halten sich gemeinhin an die Vorlagen die sie haben, wenn auch mit regionalen Unterschieden (Aschenbrödel bspw. unterscheidet sich in einigen Punkten vom deutschen Aschenputtel). Trotz mancher Interpretationen, die im Grunde ganz normal sind, kann man aber immer das Märchen erkennen – auch wenn die Prinzessin auf der Erbse aus der Reihe Sechs auf einen Streich lieber im Waisenhaus arbeitet als irgendeinen dahergelaufenen Prinzen zu heiraten. Überhaupt sind die Prinzessinnen in diesen Verfilmungen, ebenso wie in Aschenbrödel, sehr selbstbewusst und recht eigenständig. Sie sind nicht die Jungfrauen in Nöten, die gerettet werden müssen, sondern nehmen in manchen Verfilmungen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Die Disney-Frage

Neben den Realverfilmungen spielen auch die Zeichentrickfilme von Walt Disney eine nicht unerhebliche Rolle in der Vermittlung von Märchen. Allerdings nahm im Laufe der Zeit die Treue zur Vorlage immer weiter ab. Während Schneewittchen von 1937 noch komplett der amerikanischen Version und Cinderella dem französischen Aschenputtel entsprachen, wurde Dornröschens Schlaf von 100 Jahren auf ein paar Stunden verkürzt. Ein vergleichsweise kleiner Eingriff, denn Aladdin wurde kurzerhand in einen völlig anderen Kulturkreis versetzt (das Märchen spielt eigentlich in China, nicht in einem arabischen Land), Arielle bekam ihr Happy End, Rapunzel wurde recht frei interpretiert, und Die Eiskönigin ist endgültig nur noch mit viel Mühe als Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen erkennbar.

Während das Märchen „ohne Wirklichkeitsbezzug…wertlos“ (2) wäre, eine Modernisierung bzw. Anpassung also durchaus gerechtfertig ist, stellt sich die Frage, welchen Wert solche starken Verfremdungen noch haben.

Wie im Eingangsartikel bereits erklärt, stellen Märchen einen Raum dar, in dem Kinder sich geschützt den Schrecken der Welt stellen können, und lernen, dass das Böse besiegt werden kann. Nun wird das Böse bei Disney grundsätzlich immer besiegt, und gerade in den jüngsten Verfilmungen wie Die Eiskönigin und Maleficent (die Adaption einer Adaption) wird vermittelt, dass nicht nur die Liebe zwischen einem Liebespaar stark und mächtig sein kann, sondern eben auch zwischen zwei Personen mit anderer Beziehung. Oft hört man Eltern und Pädagogen sagen, dass die Märchen in ihreren ursprünglichen Fassungen zu brutal seien. Nun, sowohl Schneewittchens Mutter als auch die böse Hexe bei Hänsel und Gretel sind Kannibalinnen, bei Aschenputtel werden die Stiefschwestern mehrfach verstümmelt, und die kleine Meerjungfrau tötet sich lieber selbst als ihren Prinzen umzubringen. Auf der anderen Seite hat zumindest Disney kein Problem damit, Elternteile zu töten (Bambi; Mufasa in Der König der Löwen), oder Bösartigkeit in Reinformat darzustellen (Cinderellas Stieffamilie; Gaston aus Die Schöne und das Biest; John Ratcliffe in Pocahontas (das zugegebener Maßen kein Märchen ist sondern auf einer realen Person beruht!)). Die Märchen werden tlw. sehr verdreht. So geht es in Die kleine Meerjungfrau vor allem darum, dass Liebe auch bedeuten kann, den anderen ziehen zu lassen und das Beste für ihn zu wünschen. Es gibt übrigens keine eindeutig böse Gegenspielerin wie in Arielle, wo die Hexe Ursula Arielle täuschen und die Herrschaft über die Meere an sich reißen will. Schneewittchen wird wie Dornröschen mit einem „Kuss der wahren Liebe“ wiedererweckt (von einem Prinzen, der ihr mal kurz etwas vorgeträllert hat), dabei stolpern die Diener des Prinzen bei den Brüdern Grimm einfach ganz profan. Disney legt den Fokus in der Regel immer auf immerwährende, wahre Liebe, die alles Böse und alle Hindernisse der Welt überwinden kann. Liebe ist das Mittel, das alles wieder ins Lot bringt und dem Guten zu siegen hilft.

Was jedoch negiert wird, sind die anderen Mittel und Wege, die in Märchen beschrieben werden, die ebenso zum Ziel führen, und nicht ansatzweise so naiv wirken: Nutzung des Verstandes (Das tapfere Schneiderlein), Mut (Die Schöne und das Biest), Freundschaft (Die Schneekönigin), Gegengewalt (Hänsel und Gretel). Die Interprtationsmöglichkeiten und Deutungsebenen, die Märchen oft verschiedenartig innehaben, werden bei Disney negiert oder verfälscht.

Ich sage nicht, dass Disneyfilme schlecht sind. Frozen, Arielle und Mulan liebe ich bis heute und könnte sie immer wieder gucken. Ich finde aber, den Märchen tun sie, zugunsten von Story und Spannungsbogen, keinen Gefallen mit den immer loser werdenden Interpretationen.


(1) Christoph Schmitt, S. 185.
(2) Christoph Schmitt, S. 201.

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3 Gedanken zu “[Federlesen] Märchenverfilmungen

  1. Hach, ich mag deine Märchenreihe 🙂

    Das leidige Thema Disney… Allgemein und nicht nur zu Märchen: Ich finde es schön, dass Disney in den letzten paar Filmchen wenigstens den Fokus von der Liebe zwischen Mann und Frau etwas weggeschoben hat. Beispiel in „die Eiskönigin“ in der für mich die Beziehung zwischen den Schwestern im Mittelpunkt stand, auch wenn es natürlich noch Anna und Olaf gibt. Die Story um Anna und Hans fand ich tatsächlich gut: Liebes Kind, nur weil dir einer sagt, dass er dich gut findet, heißt es nicht, dass es auch so ist.
    Oder in „Merida“ wo es hauptsächlich um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter geht (ich liebe den Film).

    Disney vermittelt Kindern nach wie vor Werte, nur halt nicht so umfangreiche wie die ursprünglichen Märchen. Leider. Ein bisschen literarisches Wissen, dass nicht alle Mitmenschen gut sind, würde Kids nicht schaden. Naivität kann schlimm enden.

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