[Federlesen] Der Wolf. Ein perfekter Antagonist?

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Little Red Riding Hood von Jessie Wilcox Smith; Wikipedia Commons

Neben der bösen Stiefmutter und der bösen Hexe ist der Wolf der bekannteste Antagonist im Märchen, obwohl er nicht in übermäßig vielen Märchen vorkommt. Die bekanntesten dürften Rotkäppchen und Der Wolf und die sieben Geißlein sein, aber auch Der Wolf und die drei kleinen Schweinchen ist den meisten ein Begriff.
Doch warum zog der Wolf als ein derartig gefräßiger und hinterhältiger Genosse in die Märchen ein? Das liegt größtenteils seiner Wahrnehmung durch die Menschen, die von jeher mindestens zwiegespalten war. In der Bibel wird der Wolf als Raubtier dargestellt, das sich in die Herde unschuldiger Lämmer (also der Gemeinde) einschleichen will, während die Gründer Roms, Romulus und Remus, der Legende nach von einer Wölfin großgezogen wurden.
Spätestens seit dem Mittelalter ist das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf so schlecht, dass der Wolf in dessen Folge fast ausgerottet wurde. Männer wie Frauen wurden während der Hexenprozesse angeklagt, sich auch in Wolfsgestalt, die sie mit Hilfe des Teufels erlangten, Menschen zu nähern und ihnen zu schaden. Es gab Wolfjagden, und während das gemeine Volk das Wild im Wald nicht jagen durfte, war der Wolf von diesem Verbot ausgenommen. „Den über Jahrhunderte gleichbleibenden Grund für die unerbittliche Verfolgung hat Conrad Gesner gewunden, aber präzise beschrieben: weil, so kann man die Argumentation zusammenfassen, der größte Nutzen des Wolfs nun mal in seinem Totsein besteht.“(1) Auch der Mythos des Werwolfs trug nicht gerade zur Besserung seines Rufes bei.

Mit diesem Ruf ist es wenig verwunderlich, dass der Wolf quasi als Inkarnation des Bösen in einige Märchen einzog. So geht der „Erzählkern [von Rotkäppchen] bis ins 16. Jahrhundert zurück“(2), also ca. Ende des Mittelalters. Im deutschsprachigen Raum wird Rotkäppchen durch die Fassung der Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert bekannt – und damit auch der Wolf als böse Märchenfigur. Mit veröffentlicht wird von den Grimms auch das Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein sowie u.a. die Tiermärchen Der Wolf und der Mensch und Der Wolf und der Fuchs. In all diesen Märchen ist der Wolf böse, überschätzt sich maßlos selbst und ist garstig den Schwächeren gegenüber. In den Märchen Der Fuchs und der Gevatter und Der seltsame Spielmann werden hingegen andere Seiten gezeigt: der Wolf als sorgende Mutter und geselliger Gefährte. Allerdings sind diese Märchen so kurz und vor allem so unbekannt, dass sie keine positiven Auswirkungen auf den Ruf des Wolfes hatten.
Ende des 19. Jahrhunderts erschien Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling, ein Roman, der ein anderes Bild der Wölfe zeichnet. Hier wird der menschliche Junge Mowgli von Wölfen als einer der ihren großgezogen.

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Wikipedia Commons

Wie prägend die althergebrachten Vorurteile, die auch durch „die Kindermärchen, in [denen der Wolf] bis heute, durchaus imageschädigend, unterwegs ist“ (3), immer noch verbreitet werden, zeigt sich im Umgang mit den Wölfen in Deutschland. Der Wolf ist nach seiner Beinaheausrottung in Europa streng geschützt. Er darf nicht bejagt oder zum Abschuss freigegeben werden, doch sein Ruf als Kinderfresser ist tlw. ungebrochen. Zum einen forderte die FDP, den Wolf unter Jagdrecht zu stellen, weil sie befürchtete, auch Kinder könnten angegriffen werden. Das gleiche Argument bringt ein sächsischer Schäfer, von dem über 50 Tiere von einem Wolfsrudel gerissen wurden. Auch er wirft ein, dass Kinder auf dem Weg zur Schule von dem Rudel angegriffen werden könnten (Min 1:33f). Das Märchen vom bösen Wolf, der Kinder frisst, setzt sich also auch heute noch fort, und das, obwohl die Wolfsforschung längst ein anderes Bild zeichnet.

wp-1481658817863.jpgWer sich etwas eingehender mit Wölfen beschäftigen möchte, dem sei die Monografie von Petra Ahne, Wölfe, ans Herz gelegt. Sie in der Reihe der Naturkunden erschienen, die u.a. auch Tierportraits beinhalten. Der Verlag Matthes&Seitz Berlin war so freundlich, mir ein Rezensionsexemplar dieser aktuellen Monografie zur Verfügung zu stellen, und wie auch bei den anderen, die ich aus dieser Reihe besitze (Eulen, Krähen und Schmetterlinge) ist dieses Büchlein ein kleiner Schatz voller Wissen. Ahne zeichnet in diesem Band wunderbar die Geschichte des Verhältnisses zwischen Mensch und Wolf nach und wie es dazu kam, dass dieses Tier derartig verhasst war und fast bis zur Ausrottung gejagt wurde. Auch, wie der Wolf in unserer Kultur repräsentiert wird und wie die Wolfsforschung anfing, das verbreitete Bild vom Wolf als grausame Tötungsmaschine zu verändern, wird hier beschrieben.
Die Monografie ist bebildert mit Werken aus allen Jahrhunderten und verdeutlicht die unverhohlene Abscheu des Menschen dem Wolf gegenüber. Das Beste kommt aber auch hier zum Schluss. Auf den letzten Seiten des Buches finden sich Portraits verschiedener Wolfsarten, sie auf einer Seite groß illustriert werden.(4)

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(1) Petra Ahne, Wölfe, S. 28.
(2) Rudolf Messner, Das Mädchen und der Wolf – über die zivilatorische Metamorphose des Grimmschen Märchens vom Rotkäppchen, S. 7.
(3) Ahne, S. 28.
(4) Eine ausführlichere Vorstellung dieser Monografie sowie der anderen oben genannten gibt es im Januar.

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