[Rezension] Sebastian Jung – Albert

wp-1480165518667.jpgTitel: Albert
Autor: Sebastian Jung
Zeichner: Sebastian Jung
Verlag: Mairisch Verlag
ISBN: 978-3-938539-42-2

Albert Jung wird 1922 als jüngstes von 14 Kindern geboren. Seine Mutter stirbt an den Folgen der Geburt, sein Vater nur wenige Jahre später. Albert wächst bei seinem älteren Bruder Emil auf, zu dem er ein gutes Verhältnis hat, doch sein Onkel ist Vormund und schickt ihn auf einen Bauernhof, um dort zu arbeiten. Hier fühlt sich Albert richtig wohl und erfährt zum ersten Mal, was Familie und Zugehörigkeit bedeutet. Er ist glücklich und mit Unterstützung seiner neuen Familie beginnt er eine Ausbildung zum Landwirt.
Doch als 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, wird Albert von seinem Vormund „freiwillig“ zur Wehrmacht gemeldet. Norwegen, Russland, mehrmals verletzt, während eines Heimaturlaubes heiratet er. Er überlebt die Ostfront und russische Kriegsgefangenschaft. Wieder zu Hause beginnt er aus der Not heraus, in einem Bergwerk zu arbeiten, doch seine Gesundheit hat im Krieg Schaden genommen.

wp-1480165500933.jpgSebastian Jung ist Alberts Enkel und setzt die Erzählungen seines Vaters um. Das Besondere an Jungs Stil ist, dass die Graphic Novel wie ein Notizbuch gestaltet ist. Sie kommt in Pappeinband, und die Seiten sind liniert. Die Schrift sieht handschriftlich aus, die schwarzweißen Zeichnungen wechseln sich mit Fotos ab, mit Rot werden Highlights gesetzt.
Auf wenigen Seiten, 128, berührt Alberts Geschichte tief drinnen. Vor allem bewegt seine persönliche Geschichte, die ihn von den ersten Lebenstagen an in eine passive Rolle, quasi auf den Zuschauerplatz in seinem eigenen Leben drängt. Das erste Drittel seines Lebens ist geprägt von Entscheidungen, die andere für ihn treffen, was er möchte interessiert keinen. Auch später folgt er eher äußeren Notwendigkeiten. Trotzdem wird ihm ein selbstbestimmtes Leben immer wichtiger, zum Ende seines Lebens immer mehr. Seine Erlebnisse während des Krieges prägten Albert, immer aufrichtig zu sein und sich gegen Krieg einzusetzen. Sie wirkten sich aber auch auf seine Fähigkeit aus, Gefühle zu zeigen. Überhaupt erfährt man wenig, was in Alberts Kopf vorgeht. Das mag daran liegen, dass die Geschichte von seinem Sohn Eberhard erzählt wird, also quasi aus zweiter Hand. Nur anhand von Erzählungen, wie Albert charakterlich war und auf verschiedene Situationen und Ereignisse reagierte, lassen sich Rückschlüsse auf seine Gefühlswelt und Wünsche schließen.

wp-1480165551285.jpgDiese Graphic Novel hat mich mehr berührt als jede andere, und mehr als die meisten Bücher. Alberts Geschichte ähnelt der meines Großvaters sehr, der auch in jungen Jahren Wehrmacht musste (eingezogen) und schließlich an der Ostfront und in russischer Kriegsgefangenschaft landete. Auch ihn haben seine Jugend und die Kriegserlebnisse sehr geprägt, und auch er war ein Mann weniger Worte, der aber, wenn es sein musste, sehr laut und deutlich seine Meinung vertrat. Wie Albert war er vordergründig kein Mann überschwänglicher Gefühlsäußerungen, aber in den kleinen und größeren Details konnte man die Zuneigung zu seiner Frau, seinem Sohn und Enkeln sehen. Ich vermisse ihn oft und schmerzlich, und Albert hat mich die ganze Zeit an das Loch erinnert, das er hinterlassen hat. Sebastian Jung hat zusammen mit seinem Vater Eberhard seinem Großvater eine wundervolle Erinnerung gesetzt, die vermutlich auch andere an ihre Großväter denken lässt.

Ich habe bei keinem meiner Jahreshighlights, zu denen Albert zweifelsfrei gehört, eine „uneingeschränkte Kaufempfehlung“ ausgesprochen. Hier schon. Kauf diese Graphic Novel, liebe sie, erfreue dich an Jungs Zeichenstil und an der Liebe, die er hineingesteckt hat.

Weitere Rezensionen findest Du bei Janine (Danke, dass du mich zum Kauf verführt hast) und im BücherKaffee.

Und erzähl mir, gibt es in Deiner Familie ähnliche Geschichten? Haben Deine Großeltern vom Krieg erzählt oder geschwiegen?

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7 Gedanken zu “[Rezension] Sebastian Jung – Albert

  1. Pingback: Die Graphic Novel Albert von Sebastian Jung - Rezension

  2. Liebe Mareike,
    das klingt, trotz nur 128 Seiten, nach keiner leichten Lektüre! Aber das sind Kriegsberichte nie. Dennoch sind sie wichtig, um zu Erinnern – ich denke dabei zum Beispiel auch an Salt to the Sea.
    Die Idee, die Geschichte als Graphic Novel aufzuarbeiten, finde ich klasse. Durch die Schriftart wirkt es wahrscheinlich auch gleich nochmal authentischer. Danke, dass Du es vorgestellt hast – ich denke, ich werde es als Weihnachtsgeschenk besorgen, wenn schon nicht für mich!

    Viele liebe Grüße
    Kati

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Kati,
      für mich war die Lektüre eben auch wegen der Parallelen zu meinem Opa so schwer.
      Ich denke, es ist ein tolles Weihnachtsgeschenk – auch für dich 😉

      Salt to the Sea kann ich nicht lesen, das Thema Gustloff hat Grass mir gründlich versaut…

      Liebe Grüße
      Mareike

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: [Federlesen] Die Top 5 | Die Bücherkrähe

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