[Federlesen] Sex in Büchern

[Warnung: Im folgenden Artikel geht es um Sex. Manche würden die Sprache als explizit beschreiben]
[Hinweis: Im folgenden Artikel geht es um Heterosexualität. Das heißt nicht, dass ich andere Sexualitäten ausschließe, allerdings werden diese nicht besprochen]

Irgendwann ist es soweit, man stolpert als Leserin in die erste Sexszene hinein. Manchmal ist man gewarnt – Erotik ohne solche Szenen wäre etwas witzlos – manchmal weiß man gar nicht, wie das passieren konnte. So eine Sexszene kann gut sein, muss aber nicht, erfahrungsgemäß schon gar nicht in Jugendbüchern oder New Adult Genre.

Man könnte meinen, dass das Thema Sex in unserer Zeit etwas entspannter und offener diskutiert wird. Immerhin strahlen uns knapp bekleidete Frauen von Plakaten oder aus Zeitungen an und bewerben alles, vom Grill bis zur Yacht; in populären Serien wie Game of Thrones gibt es regelmäßig Sexszenen (in der ersten Staffel so viele, dass sich Kritiker darüber lustig machten und GoT als Softporno bezeichneten); auch Pornos scheinen in immer jüngeren Jahren entdeckt zu werden.
Trotzdem wird über Sex kichernd und hinter vorgehaltener Hand gesprochen, und Erwachsene stehen Jugendlichen da in nichts nach. Man redet einfach nicht über dieses Tabuthema. Dr. Sommer klärt seit Jahrzehnten die (vermeintlich) dümmsten Fragen rund um Sexualität auf. Doch warum muss ein Zeitungsteam erklären, dass man durch Telefonsex nicht schwanger werden kann und wo die erogenen Zonen sind? Weil man als Jugendliche sonst keinen fragen kann. Also wendet man sich an die Bravo, holt sich „Inspiration“ aus Pornos und entwickelt anhand von Bolly- und Hollywood Vorstellungen von Liebe.

Bonbon Orgasmus

In Büchern sieht es allerdings selten besser aus. Sex wird da genauso realitätsnah beschrieben wie er in Pornos gezeigt wird: gar nicht. Im Buch haben Frauen grundsätzlich keine Orgasmusprobleme. Nie. Und sollten sie doch welche haben, werden sie durch die – grundsätzlich muskelbepackte – große Liebe ihres Lebens davon kuriert. Für immer. Dann muss man die Protagonistin nur noch mit einem Schlafzimmerblick angucken, vielleicht noch kurz den Hals berühren, und schon vergeht die holde Weiblichkeit in multiplen Orgasmen. Realitätsbezug? Nicht existent.
Ja, es gibt Frauen, die leicht und auch mehrmals kommen. Das ist allerdings eine Minderheit, die Mehrheit der Frauen erlebt es anders. Warum sonst werden in Männer- wie Frauenzeitschriften in schöner Regelmäßigkeit Tipps veröffentlicht, um „sie“ zu befriedigen? Dennoch gibt es in Büchern nicht eine Szene, in der die Frau nicht kommt. Logo, wäre ja auch Frauenfeindlich, wenn nur der Mann einen Orgasmus hat, und der Orgasmus ist der Inbegriff von Befriedigung. Hast du keinen, kann der Sex für dich nur und ausschließlich unbefriedigend gewesen sein. So das gesellschaftliche Dogma.

Generierung von Leistungsdruck und Minderwertigkeitskomplexen

Wirklich? Diese Glorifizierung des Höhepunkts in sämtlichen Medien halte ich für gefährlich und regt mich nachhaltig auf, ganz besonders eben in Jugendbüchern und NA. Diese Darstellung von Sex und der permanent erfolgreichen Jagd nach dem Orgasmus vermitteln Mädchen wie Frauen, die eben nicht bei jedem Schmachtblick ihres Angebeteten die Engel singen hören, sie hätten eine abnormale Sexualität. Jungs und Männern vermittelt sie, dass sie sich eben nicht genug anstrengen, um ihre Freundin zu befriedigen. Minderwertigkeitskomplexe und Leistungsdruck im Bett, wohoo. Als würden Pornoindustrie, Frauenzeitschriften und Liebesschmonzetten da nicht schon genug zu beitragen.
Dabei zeigt eine Umfrage, die in der Zeit zitiert wurde, dass „der Orgasmus … nun eher als Option, als Möglichkeit und nette Zugabe gesehen[wird], aber nicht unbedingt als etwas, das erfolgreichen Sex definiert.“

Schlimm ist auch, dass, wenn es mehr als eine Sexszene zwischen den Personen gibt, die im Grunde alle nach dem gleichen Schema F verlaufen, und immer ist es ein Gehechel nach dem Höhepunkt. Und als würden in Romanen andere Gesetze gelten, werden Orgasmen verteilt wie Bonbons. Dass das einfach nicht der Realität entspricht, wird in allen Büchern, die ich bisher gelesen habe, vernachlässigt.

Ich sage nicht, dass es keinen Sex mehr in Büchern geben soll, ganz im Gegenteil. Ich würde mir nur wünschen, dass Autorinnen und Autoren etwas realitätsbezogener schreiben bzw. dass Leserinnen und Leser bedenken, dass es in der Realität meistens anders aussieht und diese Vorstellungen nicht auf ihr eigenen Leben übertragen.

Ein toller Artikel über weibliche Sexualität und vor allem die Bedeutung des Orgasmus ist Anfang des Jahres bei der Zeit erschienen: Wie wichtig ist die Penisgröße für die Frau?

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24 Gedanken zu “[Federlesen] Sex in Büchern

  1. Absolut richtig! Sex wir als das Ultimo einer Liebe aufgezeigt. Oft ist es sogar so, dass die „Liebe“ allein als permanente sexuelle Erregung gezeigt wird. Gerade habe ich so ein Buch gelesen, eigentlich Fantasy, aber vom Plot her nichts anderes als ein endloses Vorspiel samt Akt(en). Da fühle ich als Leserin mich doch verarscht und als Frau regelrecht erniedrigt. (Männer kommen dabei nicht besser weg, es geht um Äußerlichkeiten, nicht um echte Verbundenheit)

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  2. Ich kann dir in vielem zustimmen, aber warum ist es frauenfeindlich, wenn die Frau keinen Orgasmus hat? Ist es nicht eher frauenfeindlich, wenn alle als gleicher „Typ“ in Sache Orgasmus eingestuft/dargestellt werden?
    Hab ich vielleicht auch faldch verstanden…
    🙂

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  3. Einerseits stimme ich dir vollkommen zu: fehlender Realitätsbezug kann zu schlimmen Komplexen führen, in der Literatur nicht weniger als in der Modewelt. Andererseits: Man liest Romane ja hauptsächlich, um der Realität zu entfliehen, ob nun wegen eines konkreten Anlasses oder einfach so. Da kann ich es ganz gut verstehen, wenn die AutorInnen die Sexszenen genau so fiktional darstellen wie den Rest der beschriebenen Welt.
    Das letzte Mal hab ich mich bei Hardwired und dem zweiten Band der Reihe über solche surrealen und immer wieder gleichen Szenen aufgeregt. Aber eigentlich muss man heute mit mangelnder Kreativität rechnen, wenn man einen Erotikband zur Hand nimmt, der sich gut verkauft. Ziemlich schade, wenn du mich fragst.

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    • Das Problem an realitätsfernen Sexszenen ist, dass diese Realitätsferne nicht sichtbar gemacht wird. Bei Magie, Vampiren, Shadow Hunters und anderen Aspketen weiß man, dass diese nicht real sind. Die Sexszenen entsprechen aber einfach viel zu oft dem, was in Film und Fernsehen als real verkauft wird und man hat so keine Chance zu sehen, dass es nicht realistisch ist.
      Ich gebe dir insofern Recht, als dass man auch liest, um der Realität zu entfliehen, um eine bessere zu finden. Dazu gehören dann anscheinend auch multiple Orgasmen zu jeder Tages- und Nachtzeit.
      Und im Erotikgenre ist es vermutlich nicht anders als in anderen Genres auch. Ein Bestseller legt eine Storyline vor, andere Bücher/Bestseller kopieren das Schema. So hast du immer das Gleiche in Grün und selten etwas Neues…

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      • Hier kann ich dir nur zustimmen. 🙂

        Schöner Artikel übrigens. Ich find’s gut, dass du spezielle Themen intensiv bearbeitest. Es ist toll zu sehen, worüber auch andere Leute beim Lesen stolpern oder generell, was die Buchbloggerwelt beschäftigt.

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      • Sehr gern geschehen. Wenn etwas gut gefällt, finde ich, sollte man das auch sagen. 🙂 Das passiert heute viel zu selten.
        Und: Das kann ich gut verstehen. Wenn ich anfange, meinen Schwestern was über das Buch, das ich gerade lese, vorzujammern (Grammatikfehler, Namenswechsel,…), kriege ich nur zu hören: „Sei froh, dass du Zeit zum Lesen hast.“ Ist ja gut nachzuvollziehen, aber das hilft mir dann auch nicht weiter!! 😉

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  4. Huhu,
    ein schöner Artikel, hab ihn über Twitter entdeckt.
    Mittlerweile hab ich mich an diese überzogenen Orgasmen gewöhnt. Doch bei meinem ersten Buch mit so einer Szene hab ich mich noch geärgert.
    Nun sehe ich es eher als “ Realitätsflucht “ und deswegen so überzogen. Aber über die immer so toll gebauten Typen mit ihren Muskeln ärgere ich mich immer noch^^ Als ob alle Frauen diesen Typ Mann gut finden würden. Aber des ist ein anderes Thema, reg mich grad schon nur beim schreiben darüber auf 😀
    Liebe Grüße
    Tanja

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  5. Moin Buchkrähe,

    interessantes Thema und interessante Sichtweise. In manchen Punkten stimme ich Dir zu, in anderen wiederum habe ich eine etwas andere Ansicht.
    Ganz zu Beginn mal: New Adult sind Geschichten in den Zwanziger, die alle einen erotischen Touch haben – da gehört Sex nun mal dazu 😉 Bei Jugendbüchern sehe ich das Thema auch kritisch, aber hier gibt es solche und solche. Manche AutorInnen haben es ziemlich gut drauf, sexuelle Anwandlungen wirklich klasse in die Geschichte einzufügen, bei manchen frage ich mich, ob die einfach auf den „Sex sells“-Zug aufgesprungen sind.

    Ich persönlich mag erotische Bücher und auch erotische Szenen in Büchern, wo man sie eigentlich nicht erwarten würde. Nicht immer passt das, schon klar, aber immerhin überrascht es einen. Und ich finde, dass man heutzutage viel zu wenig in Büchern überrascht wird. Wenn der Autor sein Handwerk versteht, ist es auch nicht plump, sondern durchaus legitim.

    Liebe Grüße,
    Jess

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    • Ahoi Jess,

      soweit ich weiß, ist NA einfach nur die nächste Altersstufe nach YA, die nicht zwangweise Erotik enthält. Zwar sind die Erotikbücher dieser Sparte mit am erfolgreichsten, machen sie aber nicht ausschließlich aus.
      Und wie gesagt, mich stört nicht die Existenz von Sexszenen an sich (auch nicht in Jugendbüchern, was soll die Prüderie?), sondern die Dramaturgie, die im Grundschema immer die gleich zu sein scheint. Ich spreche auch nicht die Legitimität ab, egal ob plump oder nicht, denn es ist die Entscheidung des Autors und nicht meine.
      Ich wünsche mir nur einfach mehr vielfalt und nicht immer diesen Klischeesex wie im Artikel ausgeführt.

      Cheerio
      Mareike

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  6. Pingback: Lavendelherz - Annabelle Schiller - ~Schreibtrieb~

  7. Pingback: Secret Toughts

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