HFF: Yanis Varoufakis macht Wirtschaft spannend

Diskussion: Yanis Varoufakis – Das Europaradox
18.09.2016, 20.00
Philosophenturm, Uni Hamburg

Im Vorfeld
Ursprünglich sollte die Veranstaltung im Audimax stattfinden, wurde aber kurzfristig in einen Vorlesungssaal im Philosophenturm verlegt. Finde ich persönlich angenehmer, allerdings bin ich Vorlesungssäle auch gewohnt. Eine Besucherin neben mir fand den neuen Veranstaltungsort weniger toll, weil der Saal so voll war. „Aber Sie haben doch einen Sitzplatz.“ „Ja, schon…aber hier sind so viele Leute.“ Die wären zwar auch im Audimax gewesen, aber lassen wir uns von solchen Kleinigkeiten nicht aus dem Konzept bringen. Eine andere warf Varoufakis Kusshändchen zu, als er den Saal betrat. Ich wusste gar nicht, dass er so ein Superstar bei älteren Damen ist…

wp-1474235450245.jpgDie Lesung. Die Lesung, die eine Diskussion wurde, der ich angeregt folgte.
Die Veranstaltung war auf Englisch, und da der eigentlich geplante Moderator kurzfristig absagen musste, übernahm Joseph Vogl kurzerhand diesen Part. Er warnte das Publikum vor: „Was mich betrifft, wird das [englisch sprechen] eine schreckliche Erfahrung für Sie.“ Dafür, dass Vogl auch in Princeton lehrt, war sein Englisch wirklich nicht das Beste, aber es klappte wunderbar.
Varoufakis gab einen guten Abriss der Europäischen Wirtschaftsgeschichte wieder, und wie sich die Fehler von damals heute in der EU und im Umgang mit der Finanzkrise wiederholen. Er hat zwischendurch auch sehr deutlich gemacht, dass er nicht gegen eine gemeinsame Währung an sich ist, sondern gegen diese gemeinsame Währung, weil sie sehr schlecht entwickelt wurde.
Er hat auch sehr verständlich aufgezeigt, warum die europäische Handhabe mit Griechenland diesem Land langfristig nicht helfen wird – und dass vieles einfach ein Skandal war. Ich hatte das Gefühl, dass er die jüngste Folge von Die Anstalt geguckt hat, denn dort nehmen Max Uthoff und Claus von Wagner die EU, ihre Bürgerferne und das tlw. schlicht undemokratische Verhalten – das auch Griechenland betraf und betrifft – auf’s Korn.
Varoufakis erläuterte auch seinen Ansatz, um Europa vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren: Investition. Es sei u.a. auch das einzige Mittel gegen die erstarkende Rechte (er selbst kommt aus der linken Ecke) und dieser Einhalt zu gebieten. Der Grund für die neuen Rechten seien nicht die Flüchtlinge sondern die Wirtschaftskrise. Die Flüchtlinge kamen erst später. Er zieht den Vergleich zur Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre. Hitler sei auch erst danach an die Macht gekommen, also als das Land wirtschaftlich instabil war. „Such situations, they create monsters.“

Ich nehme an, dass Vogl, eigentlich Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt Universität, als deutsche Stimme eingeladen wurde, da er auch einige Bücher zu Wirtschaft und Kapitalismus verfasst hat, zuletzt Der Souveränitätseffekt (2015). Ich konnte mir allerdings nicht helfen, gegen Varoufakis wirkte er schlicht wie ein Laie auf dem Gebiet, denn auch der ehemalige Wirtschaftsminister Griechenlands ist Professor. Für Wirtschaftswissenschaften.

Iwp-1474235510575.jpgnsgesamt hat Varoufakis etwas geschafft, das sich vielleicht jeder Autor wünscht: er hat mich als Fachfremde (ich bin eigentlich Geisteswissenschaftlerin) für sein Thema völlig begeistert, und das so sehr, dass ich jetzt wohl endlich meine Wirtschaftsbücherabteilung angehen werde. Ich fand ihn vor der Lesung bereits sympathisch, eben weil er der Eurogruppe nicht in den Ar*** gekrochen ist, allerdings nie ohne alternative Lösungsvorschläge.
Sein neuestes Buch And the Weak Suffer What They Must? (deutsche Ausgabe hier)habe ich nach langer Zwiesprache mit meinem Schulterteufel schließlich doch gekauft, denn dieses Mal wollte ich mir die Widmung nicht entgehen lassen.

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5 Gedanken zu “HFF: Yanis Varoufakis macht Wirtschaft spannend

  1. Am Donnerstag und Freitag davor war Vogl auf dem Wahlverwandtschaften Kolloquium in Mannheim und hat dort am Freitag sehr souverän über den Roman debattiert. Vielleicht lag es ja auch schlicht am Rahmen der Veranstaltung, dass er in Hamburg nicht so im Mittelpunkt stand.

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