HFF: Tess Gerritsen. Eine Lesung voller Punkrock

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Bunker an der Feldstraße, in dem das Uebel&Gefährlich ist

Lesung: Tess Gerritsen – Totenlied
17.09.2016, 20.00
Uebel & Gefährlich

Gegen 19.40 kam ich endlich im Uebel & Gefährlich an. Normalerweise kenne ich den Laden von diversen Punkrock-Konzerten, und ich habe mich hier schon in den einen oder anderen Moshpit geworfen. Am Samstag sollte aber nun eine Lesung stattfinden, inkl. Klavier- und Violineneinlage. Ich war sehr gespannt, wie das werden würde.

Ein paar deutliche Worte zur Location!

Meine Vorfreude bekam schon am Eingang den ersten Dämpfer. Wie bei einem Konzert wurden Taschen kontrolliert, Flaschen und andere Behältnisse mussten draußen bleiben. Heißt: wenn man was trinken wollte, musste man es drinnen teuer erstehen, was ich angesichts der Temperaturen, die draußen bis vor einer Stunde geherrscht hatten, nicht gerade witzig fand. Ich habe mich in alter Punkermanier einfach unter den Wasserhahn gehängt, aber elegant ist anders.
Die Bestuhlung des Raumes war das nächste, bei dem ich ungläubig den Kopf schüttelte. Klappstühle sind ja okay, aber sie waren tlw. so eng gestellt, als hätte man gedacht, wir Besucher lassen neben unseren Trinkflaschen auch unsere Unterschenkel vor der Tür. Man saß also, wenn man einen Platz mit „Beinfreiheit“ ergattert hatte, völlig verkrampft und beengt auf den Stühlen. Zudem waren diese nicht in einander verhakt. Wenn ein Besucher kurz zur Bar ging, konnte er sicher sein, dass sein Stuhl nicht mehr so stand, wie er ihn verlassen hatte, und musste sich erneut etwas Platz für seine Beine erkämpfen. Ich habe mir den Gang zur Bar verkniffen. Links neben mir saßen zwei ältere Damen, die nicht aufstehen konnten oder wollten, zu meiner Rechten saßen sechs weitere Menschen, und ich wollte nicht die komplette Reihe für eine Flasche überteuertes Wasser in Bewegung setzen.
Der mangelnde Platz hatte später auch zur Folge, dass ständig Flaschen klirrend umfielen, sobald man sich auch nur ein bisschen bewegte und dabei gegen die auf dem Boden stehenden Gläser kam. Was ich erst noch schmunzelnd hinnahm, nervte mich später unglaublich, denn dieser Punkkonzertflair passte einfach nicht zu einer Lesung mit Violine.

Liebe Orga vom Harbour Front: ich weiß nicht, warum ihr das Uebel und Gefährlich gebucht habt, aber bitte seht das nächste Mal davon ab. Der Laden ist cool, aber dafür einfach nicht geeignet!

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M.v. Schwarzkopf, T. Gerritsen, C. Michelsen

Zur Lesung
Die Lesung selbst war größtenteils… eben eine Lesung. Margarete von Schwarzkopf übernahm den Dolmetscherpart und meisterte diesen hervorragend mit viel Humor. Claudia Michelsen, die die deutschen Exzerpte vorlas, war einfach unglaublich. Ich hing an ihren Lippen, sie transportierte die Gefühle und Ereignisse der Szenen unfassbar gut, und meinetwegen hätte sie noch stundenland weiterlesen können.
Es war schon der fünfte Tag ihrer Lesetour, was man Tess Gerritsen allerdings nicht anmerkte. Ganz Profi sprühte sie förmlich vor Witz und Charme, sie und Margarete von Schwarzkopf waren ein eingespieltes und unterhaltsames Team. Natürlich las Gerritsen auch, nämlich den Anfang ihres neuen Thrillers Totenlied. Das Besondere ist, dass sie den Walzer, um den es im Buch geht, tatsächlich komponiert hat – und dieser gestern auch vorgetragen wurde. Joerg Widmoser, Mitglied im Modern String Quartett, spielte zu Beginn der Lesung und auch zwischendurch bereits kurze Stücke auf der Violine, was die Lesung etwas auflockerte. Zusammen mit Gerritsen am Klavier trug er den Walzer Incendio vor, und, so wurde angesagt, improvisierte dabei auch ein wenig. Klang spannend, war dann leider doch eine einzige Enttäuschung. Ich bin nicht gerade musikalisch versiert, aber sogar ich konnte erkennen, dass Widmosers „Improvisation“ in keinster Weise zu dem Stück passte. Es wirkte lieblos und langweilig, und dass seine Impro zudem fast die Hälfte des Stückes einnahm, fand ich persönlich die Krönung. Immerhin ging es hier nicht um ihn und sein Können auf der Violine, sondern um Tess Gerritsen, ihr Buch und ihr Stück. Mag sein, dass bei ihm am fünften Tag der Tour die Luft raus war, aber das, was er auf der Bühne fabriziert hat, war fast eine Frechheit gegenüber des Walzers und seiner Komponistin.

Einen Büchertisch, an dem man Bücher für die Signierstunde kaufen konnte, sollte es geben, allerdings mussten dafür zunächst die ersten vier Reihen geräumt und abgebaut werden. Interessante Organisation bei einer derart gut besuchten Lesung, die ich nicht nachvollziehen kann.

Insgesamt muss ich leider sagen, dass sowohl Location als auch der Violinist mir Stimmung und Lesung völlig verhagelt haben. Das konnte auch der Humor Gerritsens oder die wundervolle Vorlesung Michelsens nicht mehr retten. Das ganze Setting war schlichtweg nicht stimmig, und kaum war die Lesung vorbei, bin ich nach draußen geeilt.

(Ein Wort noch zu mangelnden Fotos: der Saal wurde bis auf die Bühne abgedunkelt, es war mir unmöglich, ansatzweise gute Fotos zu machen.)

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5 Gedanken zu “HFF: Tess Gerritsen. Eine Lesung voller Punkrock

  1. Ohje… das hört sich nicht nicht gerade nach einem gelungenen Abend an. Sehr schade, denn auf den ersten Blick auf das Foto habe ich gedacht „was für eine passende Location für einen Thriller“.
    Ich drücke die Daumen, dass die nächste Lesung, die du besuchst wieder besser wird.
    LG
    Yvonne

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