HFF: Ian Kershaw und Höllensturz

Lesung: Ian Kershaw – Höllensturz
16.09.2016, 20.00
Kühne Logistics Universität

Kurz vor 20 Uhr war der Vorlesungssaal in der kühne Logistics Universität bereits gut gefüllt. Obwohl auch einige Besucher eher in meinem Alter waren, also Ende 20/Anfang 30, war der Großteil des Publikums deutlich 60 und älter. Manche von den BesucherInnen könnten den Krieg als Kind noch miterlebt haben.

wp-1474096720081.jpgModeration und Interview übernahm Martin Doerry, Journalist beim Spiegel. Zu meiner Überraschung spricht Ian Kershaw fließend Deutsch. Er erzählte, dass er als junger Mann Lust hatte, Deutsch zu lernen, und seine Lehrerin am Goethe Institut sein Interesse an Deutschland und deutscher Geschichte weckte. 1972 war er das erste Mal in Deutschland, in einer kleinen Stadt bei München. Er fragte sich, wie die Bevölkerung einer so kleinen, netten Stadt auf die Nazis reagierte, denn „alle Deutschen, die ich kannte, schienen ganz normal zu sein.“ Das war schließlich der Auslöser für seinen Studienschwerpunkt der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.
Das neue Buch, Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, ist der erste von zwei Teilen, und das Doppelwerk wird den Abschluss Kershaws wissenschaftlichen Tätigkeit darstellen.

Im englischen Original hat das Buch „nur“ 500 Seiten – „Ein sehr kurzes Buch von mir.“ – die deutsche Ausgabe kommt mit gut 800 Seiten daher (was normal ist, aus meiner Zeit als Übersetzerin weiß ich, dass deutsche Übersetzungen etwa ein Drittel länger sind). Interessant ist, dass es in diesem Buch keine Fußnoten geben wird. Der englische Verlag sprach sich dagegen aus und Kershaw folgte dem. In Deutschland ist das eher ungewöhnlich, aber auch die deutsche Ausgabe wird keine Fußnoten haben – weder im Buch noch als digitalen Anhang. Kersahw dazu: „Man muss ein gewisses Vertrauen zum Autor haben, dass er oder sie es nicht fingiert.“

Kershaw las aus dem Buch nicht vor, sondern stellte einige Thesen kurz vor. Das Buch versucht eine Antwort darauf zu finden, wie Europa sich in eine doppelte Katastrophe stürzen konnte. Der Fokus liegt vor allem auf der (europäischen) Bevölkerung, das trotz Friedenswunsch in den Krieg zog.
Angesprochen wurde auch das bekannte Buch Die Schlafwandler von Christopher Clark, dessen These, dass alle Regierungen Europas die gleiche Schuld am Ersten Weltkrieg treffe, Kershaw nicht zustimmt: „Clark verteilt die Schuld ziemlich gleichmäßig unter den Großmächten. Ich sehe die Verantwortung bei den drei großen Mächten: Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland.“
Zwei andere Punkte, die in deutschen Geschichtsbüchern immer wieder heiß debattiert werden, sind die Taten der Wehrmacht im Osten zusammen mit der SS sowie die Frage, wer den Reichstag angezündet hat. Hierzulande wird er oft als der auslösende Punkt für die endgültige Machtetablierung Hitlers gedeutet. Den Reichstagsbrand erwähnt Kershaw aber nicht in seinem Buch.

Doerry: „Hier gibt es einen Kulturkampf um die Frage, wer den Reichstag angezündet hat.“
Kershaw: „Ja, so ausschlaggebend war der Reichstagsbrand nicht. Hitler war schon an der Macht.“

Das Buch endet 1949, was zunächst wie ein ungewöhnlicher Einschnitt wirkt. In der Regel enden solche Werke 1945, mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der englische Titel des Buches ist jedoch „To Hell and Back“, und Kershaw nimmt absichtlich die ersten Folgejahre mit auf, um den Beginn des neuen Europas zu zeigen, das aus der Hölle zurück ist.

Zum Schluss schlugen Doerry und Kershaw gekonnt den Bogen von der Geschichte zur Gegenwart und wie die eine die andere beeinflusst. Kershaw äußerte sich zu Brexit und wie er die Stimmung in Großbritannien im Vorfeld wahrgenommen hat.

Doerry: „Und wo endet der zweite Band? 2016?“
Kerhsaw: „Ja, 2016 und den Folgen von Brexit.“

Kershaw ist ein unglaublich sympathischer Historiker, der es schafft, Geschichte spannend und unterhaltsam darzustellen. Ich freue mich sehr, dass die DVA mir sein neues Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellt, und ich bin sehr gespannt, ob Kershaw geschrieben ebenso anregend und informativ ist wie gesprochen.

Der zweite Teil des Doppelwerks soll laut Kershaw 2017 erscheinen.

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3 Gedanken zu “HFF: Ian Kershaw und Höllensturz

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