Robert Scheer – Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei…

wp-1462817048669.jpgTitel: Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
Autor: Robert Scheer
Verlag: Marta Press
ISBN: 978 3944442402
Wertung: 4.5/5

Elizbath Scheer, genannt Pci, erzählt ihrem Enkel Robert von ihrem Leben in Rumänien bis zu ihrer Deportation, und von ihren Erfahrungen in den Ghettos und Konzentrationslagern. Im Laufe des Interviews verdichten sich Picis Erzählungen zu einem detailierten Bild vom leben einer jüdischen Familie in Osteuropa, bis der deutsche Judenhass in aller Endgültigkeit auch Rumänien erreicht. Im Vergleich zu deutschen, polnischen oder französischen Juden wurden die Meisels, Picis Mädchenname, relativ spät deportiert, „erst“ 1944. Dass dies nichts heißt wird an Picis Geschichte deutlich. Sie verlor ihre komplette Familie – Mutter, Vater, drei Schwestern und eine Nichte – in den Konzentrationslagern und überlebte selbst nur knapp. Nach dem Ende des Kreiges kehrte sie zunächst nach Rumänien zurück und gründete eine Familie, bevor sie in den 1980ern nach Israel emigrierte und dort 2015 starb.

Die Memoiren sind größtenteils von Pici gesprochen, Robert Scheer stellte ihr zwischendurch nur einige Fragen, um sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Anfangs ist der Stil etwas holperig und entspricht nur bedingt dem eines gesprochenen Wortes. Allerdings kann man das der Überarbeitung der Interviewunterlagen durch Robert Scheer zuschreiben, denn Erinnerungen können sehr unstrukturiert sein. Der Stil ist ansonsten leicht und flüssig zu lesen, die Kapitel sind nicht sehr lang. Im Anhang findet man weitere Familienfotos und Bilder, die Picis Erinnerungen unterstreichen.

Die Memoiren haben mich zutiefst berührt. Es sind nicht die ersten, die ich lese, und es werden nicht die letzten sein. Besonders an diesen Erinnerungen ist, dass Picis Enkel immer wieder gezielt Rückfragen stellen konnte, und seine Großmutter frei erzählen ließ. Auf diese Weise lernt man das Mädchen und die junge Frau Pici kennen, die sich trotz aller antisemitischen Widrigkeiten durch das Leben kämpfte. Sie erzählt schonungslos von ihrer Lebensmüdigkeit in den KZs, und dass nur ihre Schwestern, mit denen sie fast bis zum Schluss zusammen bleiben konnte, sie am Leben hielten. Man spürt auch den großen Verlust, den sie erlitten hat, und die tiefe Trauer, die sie seit der Befreiung begleitet. Am deutlichsten wird das in ihrer Antwort auf die Frage, warum sie die jüdischen Feiertage nicht mehr feiert:

„Der Kern der Feiertage ist die Familie, der Glaube, der warme Zusammenhalt, die Rituale, die Vorbereitung … Die Jungen…suchten ihre Verwandten und Freunde auf, die kleineren Kinder spielten im Garten der Synangoge. Sie lachten. Es gab viel Lärm. Kinderweinen… Das habe ich gesehen und erlebt, bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr. Danach fehlte mir das, was einen Feiertag zu einem Feiertag macht: die Familie.“ (S.55)


Herzlichen Dank an Marta Press, die mir freundlicher Weise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben, und an Literaturschock.de, die den Kontakt herstellten.

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