Laurie Penny – Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus

wp-1459835151049.jpgTitel: Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus
Autorin: Laurie Penny
Verlag: Edition Nautilus
Jahr: 2011
ISBN: 978-3-89401-755-2

In Fleischmarkt analysiert Laurie Penny den weiblichen Körper und die Frau im Kapitalismus. Grundthese ist, dass Kapitalismus, Gesellschaft und ein Großteil der Männer Angst vor starken Frauen haben und daher versuchen, Frauen durch bestimmte Mechanismen zu kontrollieren. Ich schreibe deswegen „Großteil der Männer“, da Penny sehr treffend erklärt, dass auch viele Männer unter dem gesellschaftlichen Optimierungswahn und dem Kapitalismus leiden.
Dreh- und Angelpunkt ist immer der weibliche Körper, sei es in der Werbung, in Erwartungshaltungen oder der Überzeugung, dass Frauen nur mit Einsatz ihres Körpers und ihrer weiblichen Reize beruflichen Erfolg haben können. In vier Kapiteln widmet sich Penny also der Sexualisierung der Frau durch Kapitalismus und Gesellschaft schon im Mädchenalter, der Form der Kontrolle durch Essen, deren letztliche Folge Essstörungen sind, der Verdinglichung des weiblichen Körpers, sowie schließlich der Verbindung von Frauen und Haushalt.

Besonders im Kopf geblieben ist mir das zweite Kapitel, in dem Penny sich dem Phänomen der Essstörungen widmet. Ihrer Meinung nach ist „Dünnsein zu propagieren…eine ideale Methode, um starke Frauen zu kontrollieren, die an der Schwelle zur Selbstbefreiung stehen“ (S. 54). Sie erklärt, wie sich Magersucht auf die Persönlichkeit und das Alltagsleben von Betroffenen auswirkt, schöpft dabei aus ihrer eigenen Erfahrung als Magersüchtige, und untermauert so ihr Argument. Magersucht schränke einen derartig ein, dass man in der Konsequenz an nichts anderes mehr denken kann als an (nicht-) essen. Am Ende des Kapitels fordert sie, dass die Gesellschaft „den Hunger der Frauen anerkennen“ muss, und zwar in jeder Beziehung, nicht nur auf das Essen bezogen.
Doch auch wenn Penny aus ihrer Erfahrung mit dieser Krankheit bestimmte Punkte gut abstrahiert, mit einer Textpassage habe ich dennoch meine Probleme: „Ich war keine besondere und zerbrechliche Prinzessin. Ich war ein dummes, selbstmordgefährdetes Kind und habe meiner Familie fast das Herz gebrochen.“ (S. 57) Dieser Abschnitt vermittelt das Gefühl, man könne sich für oder gegen eine Essstörung entscheiden – was aber definitiv nicht der Fall ist. Ebenso wenig, wie man sich für Krebs entscheidet, hat meine eine Wahl pro oder contra Essstörung. Davon ab ist ihr persönliches Zeugnis ein eindringliches Beispiel dafür, wie stark der Einfluss der Gesellschaft auf dieses Krankheitsbild sein kann. Das Phänomen der Essstörungen allein auf eine sexistische Gesellschaft zu schieben ist zu kurz gedacht, aber die gesellschaftlichen Aspekte dürfen auch nicht vor persönlichen Aspekten oder Prädispositionen zurückstehen.

Im weiteren Verlauf des Buches kritisiert Penny zudem die bigeschlechtlichte Normierung, die auch bei Feministinnen weit vertreten sei, und damit alle Geschlechter dazwischen auslasse. Dass auch diese sexuellen Identitäten unter den einengenden Vorstellungen und Erwartungen einer kapitalistischen Gesellschaft leiden, führt sie u.a. im dritten Kapitel aus. Trotz allem liegt der Schwerpunkt des Buches auf dem weiblichen Körper.
Die Sexualiesierung von jungen Mädchen Penny ebenso kritisch auseinander wie die Verbindung von Haushalt, Körper und Scham: „Frauen…fühlen sich schuldig für den Zustand ihrer Wohnungen und Häuser, ebenso wie wir uns schuldig für den Zustand unserer Körper fühlen. Wir schämen uns, wenn der Eindruck entsteht, wir hätten irgendwie die Kontrolle verloren und wären des Frauseins, wie es gesellschaftlich interpretiert wird, nicht würdig.“ (S. 94)

Dieses 126 Seiten dünne Buch ist für jede/n geeignet, der/die sich für den Zusammenhang von Sexismus, Kapitalismus und Feminismus interessiert. Vor allem auch Eltern von Töchtern lege ich dieses Buch ans Herz, weil es die offensichtlichen und versteckten Mechanismen der Gesellschaft aufdeckt, die trotz allem Strebens nach Gleichberechtigung nach wie vor vorherrschen, und Frauen schon vom Kindesalter an in bestimmte Schubalden stecken und in bestimmte Bahnen lenken wollen.

4 von 5 Sternen

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4 Gedanken zu “Laurie Penny – Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus

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