Haus Bartleby – Sag alles ab! Plädoyer für den lebenslangen Generalstreik

Sag alles abTitel: Sag alles ab! Plädoyer für den lebenslangen Generalstreik
Autor/Herausgeber: Haus Bartleby
Verlag: Edition Nautilus
Jahr: 2015

Sag alles ab! ist eine wundervoll zusammengestellte Anthologie, die das wahnhafte Karrierestreben und die Lohnarbeit im Kapitalismus auf’s Korn nimmt. Unterteilt ist die Sammlung in drei große Abschnitte: I. Bück dich hoch, II. Arbeit in Anbetracht des nahenden Endes, III. Sag alles ab.

Im ersten Teil, Bück dich hoch, geht es um Machtverhältnisse und -strukturen in der Arbeits- und Bildungswelt. Wer hat Macht über wen, wer kann seine Position gegenüber anderen ausnutzen – und kann man überhaupt etwas dagegen tun?
Zwei Texte sind hier besonders lesenswert. Zum einen das Interview von Mira Assmann mit zwei Schulkindern, Nö!, in dem die beiden erklären, wie sie sich Schule besser vorstellen könnten, nämlich ohne den permanenten Leistungszwang und Anwesenheitspflicht, dafür mit mehr Verfolgung von eigenen Wissensinteressen.
Außerdem ist mir Unsere Angst ist deren Macht von Oliver Kociolek deutlich im Kopf geblieben. Er scheint in einem Arbeitsamt zu arbeiten und beschreibt das ängstliche Verhalten von Arbeitslosen ihm gegenüber – bis er sich entgegen der von der Behörde vorgegebenen Norm verhält und tatsächlich versucht, die Menschen zu sehen und nicht eine Aktennummer. Dieser Text beschreibt auf den paar Seiten überdeutlich, wie sich Menschen fühlen, wenn sie etwas benötigen und von der Willkür der jeweiligen Beamten abhängig sind. Dabei ist es ganz egal, ob es um Arbeitslosengeld und Unterstützung geht, um BAföG oder Wohngeld. Ein falsch ausgefülltes Formular reicht bereits und die benötigte staatliche Hilfe ist passé. Der Druck des immer schnelleren, möglichst effizienteren Arbeitens wird von Oben aufgebaut und durch die Führungsebenen nach unten weitergegeben, und die Menschen am Ende dieser Hierarchie haben im Endeffekt kaum mehr den Kopf und die Zeit, außerhalb der Strukturen zu denken. Kociolek beschreibt seine Arbeitsmethode in der Behörde, und wie er dadurch den Menschen gerechter wird.

Der zweite Teil des Buches, Arbeit in Anbetracht des nahenden Endes, enthält Texte zur Sinnfreiheit vieler Jobs, des permanenten Arbeitens das kaum Zeit zum Leben lässt und wie die gesellschaftliche Arbeitsmoral eben diese in die Krise treibt.

Ein Text, den man unbedingt gelesen haben sollte, und wenn es der einzige im ganzen Buch ist, ist Bullshit-Jobs von David Graeber (ein Autor, dessen Texte man allgemein lesen sollte). Er analysiert die immer größer werdende Blase von Bullshit-Jobs, von Arbeitsstellen, die man eigentlich nicht braucht:

    „Es ist nicht ganz klar, wie stark die Menschheit leiden würde, wenn sich Firmenchefs von Kapitalgesellschaften, Lobbyisten, PR- und Marktforscher, Versicherungsstatistiker, Telefonverkäufer, Gerichtsvollzieher oder juristische Berater in Luft auflösten. (Viele vermuten, die Welt würde sich deutlich verbessern.)“

Ist es nicht auffällig, dass diese Jobs alle in den Einflussbereich des Kapitalismus fallen? Und wieso gibt es überhaupt soviele solcher Jobs, ebenso wie in den ganzen Verwaltungen? Ganz einfach:

    „Die herrschende Klasse hat erkannt, dass eine zufriedene und produktive Bevölkerung mit frei verfügbarer Zeit eine tödliche Gefahr darstellt.“

Graebers Text ist nur sechs Seiten lang, aber diese sechs Seiten haben es in sich. LEST SIE!

Der dritte Teil der Textsammlung, Sag alles ab, widmet sich schließlich dem persönlichen Streik. Patrick Spät wirbt in „Noch so ein Sieg und wir sind verloren“ dafür, nur noch das Nötigste zu erledigen und sich ein Beispiel an den Koalas zu nehmen: „schläft ein Koala weniger als 18 Stunden am Tag, stirbt er an Erschöpfung.“ Außerdem erklärt er anhand zweier knapper Geschichten (eine vom Fischer und einem Touristen, eine von König Pyrrhus), warum das immer weiter, immer höher, immer mehr… nicht zwangsweise zu mehr Freude verhilft, sondern im Gegenteil das persönliche Glück mindert.

Sag alles ab! ist nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit Lohnarbeit und Karrierewahn, sondern setzt sich auch mit den Zwängen und Mechanismen des Kapitalismus auseinander, die tief in unser Leben greifen. Neben neuen Denkanstößen habe ich aber vor allem gelernt, dass Kapitalismuskritik nicht zwingend anarchistisch sein muss. An ein, zwei Stellen zog ich sehr überrascht die Stirn kraus, als im Grunde nur von einer Umverteilung der Macht die Rede war. Damit kann ich nicht d’accord gehen, denn Herrschaft von Menschen über andere Menschen führt zwangsläufig wieder zu Elend und Benachteiligung. Aber auch mit solchen Texten und Positionen muss man sich auseinandersetzen, und die Anthologie wird durch die Aufnahme solcher Texte noch etwas „runder“. Sicher, es ist keine kapitalismuskritische Sammlung von Texten, die alle denkbaren Positionen der (linken) Kapitalismuskritik vertritt, dafür ist sie dann doch zu kurz, aber sie bietet einen guten Start in die kritische Auseinandersetzung mit der Arbeitsmoral der Gesellschaft.

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