P.M. – Kartoffeln und Computer

wp-1456130600373.jpgTitel: Kartoffeln und Computer. Märkte durch Gemeinschaften ersetzen
Autor: P.M.
Verlag: Edition Nautilus
Jahr: 2012
ISBN: 978-3-89401-767-5

Inhalt
Für den postkapitalistischen Gesellschaftsentwurf des Schweizer Autoren P.M. sind mehrere Elemente wichtig. Zum einen stellt sich der Autor vor, dass die Nationalstaaten abgeschafft und stattdessen Gemeinschaften gebildet werden. Diese Gemeinschaften fangen klein an bei Nachbarschaften, und werden in größere Gemeinschaften zusammengefasst, wie z.B. Städte und Territorien. Ziel ist es hierbei, die globalen Ressourcen fair zu verteilen, die regionalen Märkte zu stärken und so den Planeten zu entlasten. Die Nachbarschaften (ca. 500 Personen) versorgen sich größtenteils selbst, dafür gibt es Bauernhöfe, die diese Zentren mit Nahrungsmitteln versorgen. Bildung und Erziehung, Wasser- und Energieversorgung, sowie Nahrungsmittelherstellung, die mit den Regionalen Erzeugnissen möglich ist, liegt in ihrer Verantwortung. Manche dieser Nachbarschaften bilden eine Stadt, wodurch Kleidung, Haushaltswaren und andere persönliche Dinge verfügbar gemacht werden können. Über noch größere Kommunen können auch Waren von größerer geografischer Entfernung verteilt werden.
Diese administrativen Elemente sind allerdings nur das Gerüst dieses neuen Gesellschaftsentwurfs. P.M. entwirft das „1008 Watt pro Person“-Modell. Das sieht in einem Beispiel auf S. 18 folgendermaßen aus:
20m² beheizter Wohnraum
Kein Privatauto
Keine Flugreisen
9 Personenkilometer pro Tag Bahnfahrten
Europareise von 2.000km (Bahn) pro Jahr
Schiffsreise von 12.000km pro Jahr
18kg Fleisch pro Jahr
70l Wasser pro Tag
1 Zeitung pro 10 Bewohner pro Tag

Diese Punkte sind flexibel variierbar. Wer bspw. kein Fleisch ist kann dafür mehr Kilometer mit Bahn oder vielleicht sogar Flugzeug zurücklegen. Wichtig ist auch die „kollektiv garantierte materielle Sicherheit“, ohne die dieses System nicht funktionieren kann.

Meinung
Soweit, so gut? Naja. Ich sehe einige Schwächen. Mir ist bewusst, dass es sich um einen theoretischen Ansatz handelt, und dass die Praxis immer anders aussieht. Dennoch vergisst dieser Ansatz etwas, das mir oft auch bei anderen anarchistischen, utopischen Gesellschaftsansätzen fehlt: der Mensch als Individuum. „Alle Menschen sollten in allen Angelegenheiten gleichermaßen stimmberechtigt sein“ (S. 10). Nobler Ansatz, aber er vernachlässigt, dass es mehr als genug Menschen gibt, die sich nicht beteiligen wollen. Nicht aus Politikverdrossenheit, sondern weil es sie schlicht nicht interessiert, weil sie lieber ihr Leben leben möchten, ohne sich um politische Angelegenheiten kümmern zu müssen. Zudem wird es auch in der postkapitalistischen Gesellschaft Menschen geben, die auf „Stimmenfang“ gehen. In einem Gremium steht ein Thema zur Abstimmung, es gibt verschiedene Meinungen, jeder will seine durchsetzen, und man versucht andere zu überzeugen oder zu überreden…das wird nicht viel anders sein als jetzt.
Ein anderer Punkt, mit dem ich mich nicht anfreunden kann (was vermutlich daran liegt, dass ich in einer Wohlstandsgesellschaft groß geworden bin), sind die Gemeinschaftsräume und Küchen gegenüber dem Privatraum. Jeder hat seine persönlichen 20m² (Familien entsprechend mehr), aber es gibt Großküchen und Gemeinschaftsräume. Auch hier werden wieder bestimmte Individualitäten vergessen. Es gibt genügend Menschen, die nichts von Gemeinschaftswohnen halten und denen (dauerhafte) menschliche Gesellschaft zu anstrengend ist. Ich putze nicht gerne anderen Menschen hinterher, und die Vorstellung, mir Küche und vielleicht auch Bad mit jemand anderem als meiner Familie zu teilen gruselt (und ekelt) mich zutiefst.
Es gibt noch mehr für mich kritische Punkte (z.B. die Menschen, die Familie in anderen Teilen Europas und der Welt haben, und diese nicht mehr so ohne weiteres sehen können, weil die Reisefähigkeit sehr eingeschränkt ist), aber ich denke, an dieser Stelle reicht es mit Kritik.

Fazit
Gibt es eine Leseempfehlung? Klares Ja! Ich finde diese Schrift sehr wichtig. Es gibt endlich nicht nur ein „Wie kippen wir das System?“, sondern auch eine Idee zu „wie geht es hinterher weiter?“.
Das dünne Buch hat man mit seinen knapp 73 Seiten schnell durch, und egal, was man über P.M.s Ansatz denkt, man hat etwas, worüber man nachdenken und diskutieren kann, und worauf man vielleicht auch weiterführende Ideen aufbauen kann.

Diese Rezension erschien zuerst auf Black Kraken

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