Macken der Bibliophilen

Die Alltagsleiden der Bibliophilen

Angeregt durch ein Gespräch mit A. hatte ich die Idee, die Alltagsleiden der Bibliophilen aufzulisten.
Basis für diese Leiden ist die Angewohnheit vieler Buchsuchtis, beim Lesen mitzuleiden. Man durchlebt eben alle beschriebenen Emotionen, man lebt und leidet mit den Charakteren, wie sich das eben gehört. Das kann zu Missverständnissen mit der Außenwelt führen.

Ich für meinen Teil kann Rotz und Wasser heulen, wenn ein Charakter stirbt – was meine Mum regelmößig an die Grenzen eines Herzinfarkts bringt, weil sie denkt, jemand hätte ihrem großen Mädchen was böses getan. Das führte einmal soweit, dass ich ihr in der Küche geschlagene 15 Minuten erklären musste, dass Rue aus The Hunger Games keine Freundin von mir war, die einen grausamen Tod gestorben ist, sondern ein Buchcharakter, und dass auch kein böser Bube mir was getan hat.

Eine andere Situation stellt sich in der Bahn ein, wenn man Bücher wie Die Bibel nach Biff oder die Werke von Terry Pratchett liest. Man kann größtenteils gar nicht anders, als in wieherndes Gelächter auszubrechen, und wird von den restlichen Fahrgästen angeguckt, als sei man nicht mehr ganz bei Trost. Eine ältere Dame, die bei so einer Begebenheit neben mir saß, hat sich umgesetzt, als ich grade Gevatter Tod von Pratchett las. Dieses Buch war übrigens noch für eine andere Anekdote verantwortlich. Ich bin seiner Zeit aus dem Spanischunterricht geflogen, weil ich giggelnd und kichernd in der letzten Reihe saß, und meine Mitschüler ablenkte. Fünf Minuten später wurde ich wieder in Klassenzimmer gerufen, weil ich auf dem Flur ständig derartig laut lachen musste, dass ich alle anderen Kurse auf dem Gang gestört habe. Wieder im Klassenzimmer musste ich allerdings mein Buch abgeben.

Komisch wird man übrigens auch angeguckt, wenn man seine Nase in ein neu erworbenes Buch hält (ob muffiger Flohmarkt oder modischer Buchladen ist dabei egal), um den Geruch einzuatmen. Das ist vielleicht eine weniger verbreitete Macke als das Mitleiden, aber doch repräsentativ vertreten. Es tut mir leid, aber wie soll ich stundenlanges Leseglück erfahren, wenn mir das Buch aus jeder Seite und Ritze entgegenstinkt? Leicht irritiert war ich auch, als ich an The Way of Shadows von Brent Week gerochen habe – es hat keinen Geruch, keine winzigste Spur von irgendwas. Es riecht nichtmal nach Papier. Bestimmt riecht es für Leute mit exorbitantem Geruchssinn deutlich wahrnehmbar, aber für mich ist das Buch quasi der Grenuille (der Serienmörder aus Das Parfum von Patrick Süßkind) unter den Büchern.

Andere Macken, die man teilweise fast als Anzeichen einer Sucht deuten könnte, sind folgende (unsortiert und unvollständig):
* Mehr Bücher kaufen, auch wenn zu Hause noch Horden ungelesener Exemplare warten
* Mehr Bücher kaufen, obwohl man kaum oder gar keinen Platz mehr hat
* Ein Buch lesen, nicht, weil die Story so toll ist oder der Sprachstil so ansprechend, sondern einzig und allein, weil man sich so herrlich über die Charaktere
* Bücher müssen besessen werden, leihen ist selten bis nie eine Option
* Essensgeld wird für Bücher ausgegeben, und man ernährt sich mit Freuden eine Woche lang nur von Reis mit Ketchup
* Für eine Woche Ferien nur zwei Schlübber, dafür aber fünf Bücher eingepackt
* Bei anderen wird zielstrebig das Bücherregal angesteuert und man verbringt dort einen Teil seiner Besuchszeit

…wie gesagt, es sind bei Weitem nicht alle Macken, die Buchnerds haben. Und meine schlimmsten werde ich auch nicht veröffentlichen.

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