Ein Verbrechen

Ich bin, was Bücher angeht, ja erzkonservativ. Hörbücher sind doof – außer neuerdings im Fitnessstudio – und eReader sind für mich keine wundervolle Neuerung des Leseerlebnisses und Erleichterung des Lesealltags, sondern eine Krankheit, vergleichbar mit Tuberkulose oder Ebola. Der Vorteil eines eReaders sei das geringe Gewicht: „Haben Sie ihre Bibliothek immer bei sich!“…Wirklich?

Liebe Hersteller von eReadern.

Der Sinn einer Bibliothek ist, dass ein Buch neben dem nächsten steht, nicht eins neben dem anderen angezeigt wird. Eine Bibliothek nimmt Platz ein, viel Platz. Große und alte Bibliotheken gehören zu den wenigen Orten, die einem die Sprache verschlagen können und einen in Ehrfurcht erstarren lassen ob der Sammlung an Wissen und Geschichten, Kurzgeschichten und Gedichten, Essays und Novellen und was einem sonst noch einfällt, die Menschen über Jahrhunderte – oder auch nur ein paar Jahre – geschrieben haben. Bibliotheken haben einen eigenen Geruch, den Geruch nach Büchern, die darauf warten, erneut gelesen oder vielleicht auch das erste Mal entdeckt zu werden, die schon lange im Regal stehen oder grade erst wieder angekommen sind, es riecht nach Staub und manchmal ist es etwas muffig. Und doch ist der Geruch einer jeden Bibliothek einzigartig, denn er hängt nicht nur von den Büchern ab, sondern auch von dem Gebäude, dem Standort und der Menge an Menschen, die diese Bibliothek besuchen, viele oder nur wenige. Und ihr, verehrte Hersteller, wollt mir Buchsuchti allen Ernstes weismachen, dass ich alleine diese ersten Sekunden des Betretens einer Bibliothek, die Ehrfurcht, den Geruch und die Aufgeregtheit, gleich stundenlang an den Buchregalen langgehen zu können und zu stöbern, zu entdecken und auszuwählen, auch mit einem eReader erlebe? Verzeiht meine Wortwahl, aber…wollt ihr mich verarschen? Diese ersten Sekunden sind es – neben den Büchern natürlich – was eine Bibliothek ausmacht, wenn diese ersten Sekunden nicht da sind, dann ist es keine Bibliothek.

Ein anderer Vorzug, den ihr nur zu gerne mit der Leichtigkeit des eReaders betont, ist wie leicht er doch in der Hand liegt, egal, wie viele Seiten das Werk auch hat. Ob nun 60 Seiten Reclam-Heftchen oder 800 Seiten A Game of Thrones, alles ist gleich leicht, liegt gleich leicht in der Hand, stört gleich weniger beim Essen und Laufen und wann man sonst auch liest. Nun…ich gebe zu, dass mir Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein durchaus schwer im Rucksack liegt und dort einiges an Platz einnimmt, beim Essen nebenher eher unhandlich ist und ich es auch im Liegen meistens auf meinem Bauch abstützen muss. Aber ganz ehrlich? Genau das mag ich. Seit ich mir im Alter von vier oder fünf Jahren das Lesen selber beibringen musste, weil auch mein Opa mit seiner Engelsgeduld nicht 5 Stunden am Stück Märchen vorlesen mochte, und ich dann selbst mit dem damals viel zu großen Märchenbuch in dem noch viel größerem Sessel versank…seitdem mag ich die wohlige Schwere in meinen Händen nicht mehr missen. Sie gehört zum Lesen dazu wie das Seitenumblättern und natürlich das erste Riechen an einem neu erworbenen Buch.

Liebe eReader-Hersteller. Ich weiß, ihr wollt mit eurem Produkt die Welt verbessern und den Menschen das Leben erleichtern – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die volle Ausgabe von Der Herr der Ringe ist wirklich sauschwer – aber bitte, tut nicht so, als wäret ihr die neuen Autoritäten der literarischen Welt, die neuen Gutenbergs, und der Rest der Menschheit muss vor euch zu Kreuze kriechen.

Ich liebe meine gedruckten, schweren, sperrigen Papierbücher mit all ihren Eselsecken, halb gebrochenen Rücken, den Kaffeeflecken darin und ihr Aussehen nach „Seht her, ich wurde gelesen und vielleicht geliebt, ich habe als Buch gelebt und man sieht es mir an!“. Das wird mir ein eReader niemals vermitteln können. Mir fehlt das befriedigte Zuklappen des Buches, wenn ich die letzte Seite gelesen habe. Das Zurückstellen ins Regal, die Einreihung zu den anderen Welten, in denen ich schon war.

Ich liebe gedruckte Bücher, und was das angeht, bleibe ich wohl weiterhin…konservativ.

Und wo ist jetzt das titelgebende Verbrechen? Nun…ich werde trotzdem einen eReader zum Geburtstag bekommen. Denn die ganzen Klassiker von Dickens, Marx, Tolstoi, Austen, Bronte, Hobbes und wie sie alle heißen gibt es umsonst. Und ich hasse es, am Laptop lesen zu müssen, und auch mit dem Netbook ist es nicht sehr gemütlich. Das ist tatsächlich ein Vorzug, den ich den eReadern zugestehen werde müssen.

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