Hörkatastrophe

Da ich im Moment wieder in einer literarischen Hochphase bin (vor allem Lesen, das Schreiben liegt noch halb verpennt im Bett), habe ich mir gestern eine Zeitung gekauft – über Bücher. Sie heißt auch tatsächlich so. Viele Rezensionen und Interviews…ich bin gespannt, ich bin noch nicht sehr weit.
Der Zeitschrift war auch ein Hörbuch beigelegt. Nun bin ich kein großer Fan von Hörbüchern, weil ich mich dann dann wie an den Stuhl gebunden fühle. Ich kann nichts nebenher machen, weil ich mich ja auf die Geschichte konzentrieren muss. Und im Gegensatz zum eigenen Lesen wird nur ein Sinn – der Gehörsinn – in Anspruch genommen, während der tätigste Sinn – der Sehsinn – völlig außer Acht gelassen wird. Zudem haben die wichtigsten Werkzeuge des Menschen, oder zumindest meine wichtigsten Wekrzeuge – die Hände – nichts zu tun. Wenn man ein Buch in der Hand hat, die Hände als beansprucht werden, sind die Augen durchLesen beschäftigt. Keine Langeweile. Wenn aber meine beiden grundlegenden Sinne – Seh- und Tastsinn – nicht gereizt werden, bin ich schnell gelangweilt und werde unruhig. Lange Rede, kurzer Sinn: Hörbücher – nicht für mich, danke.
Allerdings war just dieses Hörspiel aus der Zeitung ein Hamburgkrimi, er spielt sogar in meiner Gegend, und da ich heute eh ins Fitnessstudio wollte, dachte ich, ich probiere es mal aus. Im Fitnessstudio lasse ich meine Gedanken in der Regel treiben und schaue was passiert, nehme die gegenüberliegende Hauswand genauestens unter die Lupe, bis ich jeden Riss und jeden Dreckfleck auf den Fensterscheiben kenne, wechsle ab und zu das Gerät, meine Hände schwingen im Laufschritt oder halten mich auf der Beinpresse fest. Also kann ich auch mal ein Hörspielausprobieren, das in etwa die gleiche Laufzeit hat wie mein Training. Also rauf auf’s Laufband, Stöpsel in die Ohren und ab auf den Fischmarkt.
Der Krimi heißt Phantom vom Fischmarkt (Anke Cibach) und grast auditiv jedes gottverdammte Klischee ab, das es über Norddeutsche gibt. Dass eine Person vielleicht so breit schnackt wie man es sich immer vorstellt, ist durchaus vertretbar. Aber dass quasi alle Menschen, die auf dem Fischmarkt arbeiten oder dort oder in der Kiezgegend ihren Lebensmittelpunkt haben, reden als wären sie grade einer Hamburg-Satire entsprungen, ist nicht nur völlig überzogen, sondern tut irgendwann auch in den Ohren weh.
Das zur Vertonung. Zur Story ist fast ebensowenig zu sagen. Es gab bereits zwei Leichen auf dem Fischmarkt, die einzige Verbindung zwischen den beiden eine schwarze Zorro-Maske neben ihnen. Nach dem Eingangsgeplänkel und Einführung einiger Charaktere kommt der Killer zu Wort. Klingt alles ganz interessant, aber mal abwarten, wie sich der Plot entwickelt. Leider werden auch weiterhin unfassbar viele Hamburg-Klischees bedient, einige Handlungen sind einfach unrealistisch und zumindest für mich war nach knapp der Hälfte schon fast klar, dass es sich nicht um einen Killer, sondern eine Killerin handelte, verraten durch ein Gespräch der Polizistin mit einer Marktschreierin.
Ich bin heilfroh, für diesen Schund keine müde Mark gelassen zu haben – was bei Hörbüchern allgemeint eher unwahrscheinlich ist… – denn es war einfach nur enttäuschend. Das beste im gesamten Hörspiel war der Spruch eines Marktschreiers: „Wir haben keine Kunden, wir haben Opfer.“
Ich bin nach wie vor kein Hörbuchfan, und werde weiterhin Gedruckted dem Eingespielten vorziehen.

Cheers,
Em

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