Charlotte Brontë ~ Jane Eyre

Achtung: Diese Rezension ist nicht Spoilerfrei!

 Jane Eyre, eine 670 Seiten langgezogene, dramatische Liebesgeschichte.

Jane, eine Waise, die von ihrer Tante in ein schlichtes Internat geschickt und dort ausgebildet wird, tritt nach ihrem Abschluss in die Dienste des charakterlich schwierigen Mr. Rochester, um als Gouvernante sein Mündel zu unterrichten. Schon bald verliebt sie sich in ihn, und er scheint ebenfalls Gefallen an ihr zu finden. Trotzdem scheint es so, als würde er doch der eher standesgemäßen, aber charakterschwachen Blanche den Hof machen. Schließlich gestehen sich die beiden Liebenden in einem dramatischen Aufeinandertreffen ihre Liebe und beschließen, so schnell es geht zu heiraten. Allerdings wird die Hochzeit nicht vollzogen, da Rochester bereits mit einer zwar wahnsinnigen, aber sich am Leben befindenden Frau verheiratet ist.

Jane verschwindet nach dieser Enthüllung, die auch noch direkt am Altar gemacht wird, in einer Nacht und Nebelaktion, wird nach ein paar Tagen des Umherirrens von drei Geschwistern aufgenommen und gepflegt, und wird schließlich die Lehrerin der neu eröffneten Dorfschule. Einige Zeit später stellt sich heraus, dass sie reich geerbt hat, und dass die drei Geschwister ihre Cousinen und ihr Cousin sind – ihre einzigen noch lebenden Verwandten, die sie sofort als ihre Geschwister ansieht. Sie zieht mit ihnen zusammen und führt für kurze Zeit ein ruhiges Leben, auch wenn sie ihre große Liebe nicht vergessen kann. Ihr Cousin, ein ebenso gefühlskalter wie eifriger Pfarrer, der als Missionar nach Indien auswandern will, bittet Jane, ihn zu heiraten und mit ihm nach Indien zu gehen. Allerdings ist sein Antrag nicht von Gefühlen geleitet, sondern einzig und allein der praktischen Überlegungen geschuldet, dass Jane laut ihm die perfekte Frau eines Missionars sei – „Du bist nicht geboren, um zu lieben, sondern um zu arbeiten.“ Jane zögert zunächst, nicht nur, weil sie St. Johns Vorstellung einer Ehe – gefühlslos und berechnend – abstoßend findet, sondern weil sie auch fühlt, dass sie als Ehefrau ihres Cousins untergehen wird. Bevor sie sich endgültig entscheidet, sich in das düstere Schiksal der Missionarsgattin zu fügen, hat sie eine übernatürliche Vision, in der sie von Rochester gerufen wird. Sie beschließt, sich zunächst zu überzeugen, wie es ihrem Geliebten geht, bevor sie sich entscheidet.

In Ihrer Abwesenheit von Thornfield Hall, dem alten Herrenhaus, hat sich eine Katastrophe ereignet, in deren Zuge das Haus komplett niederbrannte, Rochesters erste Frau starb und er selbst als blinder Krüppel endete. Trotz allem heiraten Jane und Rochester endlich, and they lived happily ever after…

~~~~~ * ~~~~~ * ~~~~~

Insgesamt hat die Story durchaus Spannung, es gibt durchaus Kapitel, in denen man das Buch kaum aus der Hand legen kann, z.B. dort, wo St. John Jane eindringlich bittet, seine Frau zu werden – und man selbst nur denkt „Fuck, Jane, bloß nicht! Das mehr als dein Unglück, und du gehörst eigentlich ja schon jemand anderem!!“, oder wenn Brontevon der Typhus-Epidemie im Internat berichtet. Der etwas altmodische Stil – der Roman wurde 1847 das erste Mal veröffentlicht – hat seine Vor- und Nachteile. Häufig werden Situationen sehr detailliert beschrieben, und oft wirkt der Stil so gestelzt, dass er nicht nur die Geduld auf eine harte Probe stellt, sondern manchmal auch das Verständnis. Manche Gespräche nehmen so abrupte Wendungen, dass man sich auch nach einem zweiten Lesen nicht erklären kann, wo diese auf einmal herkamen. Durch die langatmigen Passagen – und mir ist durchaus bewusst, dass die Langatmigkeit dem Alter des Stoffes geschuldet ist – ist dieses Buch für mich nur Mittelmaß. Teilweise habe ich einzig und allein deswegen weitergelesen, weil ich die neueste Verfilmng gucken möchte, und ich Literaturverfilmungen möglichst nur dann gucke, wenn ich die Bücher – wenn ich sie schon zu Hause habe – auch gelesen habe.

Jane Eyre zählt zu den Klassikern der Weltliteratur, und wird zusammen mit Stolz und Vorurteil oft als die Vertreter der viktorianischen Literatur genannt, die man gelesen haben muss. Ich denke, wer die Zeit hat, kann das durchaus tun, aber ich frage mich, ob die Story nicht auch auf 200 Seiten weniger hätte erzählt werden können…

Advertisements

4 Gedanken zu “Charlotte Brontë ~ Jane Eyre

  1. Der Roman steht noch auf meiner Wunschliste – als Studentin der Anglistik/Amerikanistik gehört’s definitiv für mich in die Kategorie „was man gelesen haben muss“ und nicht mehr „was man gelesen haben sollte“. Aber da ich die Literaturverfilmung bereits kenne, hat das keine Eile. Ein bisschen weiter oben auf der Liste steht eher „Wuthering Heights“ der Bronte Schwestern. – Ich glaube, auf die Art der Romane der Zeit und den besonderen Stil, die erwähnten Kleinigkeiten, die für uns heute belanglos erscheinen, damals aber von Bedeutung waren, muss man sich wirklich einlassen. Bisher fand ich’s allerdings immer lohnenswert. – Kann die Kritik deiner Rezension allerdings doch ein wenig nachempfinden 😉
    Einzig schade finde ich, dass du die komplette Romanhandlung verraten hast. Da hätte ich mir doch irgendwo einen Hinweis gewünscht, dass du mehr als nur anteaserst.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt mir

    • Hallo Kerstin!

      Danke für den Hinweis. Die Rezension ist uralt und stammt aus einer Zeit, als ich soetwas wie „Apoiler“ noch nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe jetzt ganz oben eine Spoiler-Warnung geschaltet und werde heute Abend nach Feierabend mal die anderen alten Rezensionen durchgucken. Ich hatte 2012 schonmal einen Buchblog, und habe die Rezensionen einfach hier übernommen, auch wenn sie heute nicht mehr meinen Standards entsprechen…

      Was die Zeit und den Stil angeht: Ich mochte Stolz und Vorurteil z.B. unglaublich gerne, und das habe ich ca. ein Jahr später gelesen. Vielleicht lag es auch einfach an der Autorin 😉 Wuthering Heights steht bei mir dieses Jahr auch auf dem Plan, ich habe letztens im Tauschregal eine wunderschöne Ausgabe mit Goldschnitt gefunden und natürlich sofort eingesackt. Vielleicht können wir uns ja später mal darüber austauschen.

      Cheerio
      Mareike

      Gefällt 1 Person

      • Hey Mareike,
        uh, super – freut mich, dass mein Kommentar etwas bewirkt 🙂 Meld dich doch vorher mal, vielleicht können wir „Wuthering Heights“ ja gemeinsam lesen und irgendwas Schickes dafür planen 🙂
        LG Kerstin

        Gefällt mir

      • Jaaa, das finde ich eine tolle Idee. Ich traue mich immer nicht an das Buch, ich habe Angst, dass ich es langweilig finden könnte. Umgekehrt sag aber auch bescheid, wenn du starten willst.

        Cheerio
        Mareike

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s